Samstag, Februar 23, 2008

Obama - Olmert: Gefährliche Übereinstimmung


In Zeiten des Parachute-Journalismus (oft auch Laptop-Journalismus genannt) kann man nicht mehr vielen Reportern zutrauen, die Lage im Nahen und Mittleren Osten über Monate oder Jahre hinweg exakt zu analysieren. Michel J. Totten, der zuletzt aus dem Libanon berichtete und nun im Irak unterwegs ist, gehört zu den bemerkenswerten Ausnahmen. Kaum jemand hat das Ohr so nahe an der einheimischen Bevölkerung und wenige riskieren demzufolge so oft ihr Leben wie Totten, der sich immer zwischen den Konfliktparteien bewegt.

Da die großen Blätter und Rundfunkstationen ihre Reporter, die jahrelang aus dem Nahen Osten berichteten, entweder völlig abgezogen haben oder sich hauptsächlich der Freelancer-Dienste „ausgewogen“ berichtender Einheimischer bedienen, entsteht oft ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Situation vor Ort.

Michael J. Totten hat im unten stehenden Beitrag, den Castollux übersetzte, Olmerts Fehler im Libanonkrieg mit der neuen Strategie der Amerikaner unter General David Petraeus im Irak verglichen und die zukünftige Außenpolitik eines möglichen Präsidenten Barack Obama in seine Schlussfolgerung einbezogen. Obama, der es tunlichst vermeidet, auf seiner Webseite die Stars and Stripes zu zeigen und sie nur vage andeutet, hat den Linksliberalen in seiner Partei versprochen, im Falle seiner Wahl zum US-Präsidenten innerhalb von 16 Monaten alle amerikanischen Truppen abzuziehen. Damit befindet er sich, so Michael J. Totten, in gefährlicher Übereinstimmung mit Ehud Olmert.

Obama imitiert Olmert
Michael J. Totten

Dank der desaströs ausgefallenen Beurteilung des Krieges gegen die Hisbollah im Juli 2006 im Libanon hat Israels Ministerpräsident Ehud Olmert eine der niedrigsten Zustimmungsraten in der Geschichte seines Landes.

Trotz der wahnhaften und arroganten Prahlerei des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah hat die Hisbollah nicht gewonnen. Ich war nach dem Krieg im Südlibanon und den südlichen Vorstädten Beiruts unterwegs - den zwei Hochburgen der Hisbollah. Das Ausmaß der Zerstörung war atemberaubend. Es sah aus, als wäre der Zweite Weltkrieg durchgerauscht. (Klicken Sie hier und hier, um sich Fotos anzusehen). Nasrallah überlebte und hat sein Waffenarsenal aufgefüllt, aber, wie der israelische Militärhistoriker Michael Oren formuliert: „Wenn er mehr Siege wie diesen erringt lebt er nicht mehr.“

Israel hat aber auch nicht gesiegt. Keines der Ziele Israels im Libanon wurde erreicht.

Das Beste, was man von diesem Krieg sagen kann, ist, dass es ein strategischer Zug mit Verlusten auf beiden Seiten war. Die Hisbollah hat die Wucht der Schäden absorbiert.

Es sollte klar auf der Hand liegen, warum Israel sich gegen die Beobachter moderner asymmetrischer Kriegführung und die Bekämpfung von Aufrührern nicht durchgesetzt hat. Der Plan Olmerts war vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt. Es dürfte damals nicht klar gewesen sein, aber heute mit Sicherheit.

Der amerikanische General David Petraeus bewies, dass die Bekämpfung von Aufständischen in arabischen Ländern funktionieren kann. Die Effizienz der Truppen im Irak ist mehr eine Frage der Taktik als der Truppenstärke, und bis jetzt hat seine Taktik alle Erwartungen übertroffen. Das Modell des „Light Footprint“, das während der Amtszeit des ehemaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld angewandt worden ist, dürfte damals eine gute Idee gewesen sein, aber amerikanische Soldaten und Marines hatten keine Chance, Aufständische aus mit Stacheldraht geschützten Garnisonen heraus zu besiegen.

Erst jetzt, nachdem die Truppen sich aus der relativen Sicherheit ihrer Basen bewegt und sich mit der irakischen Bevölkerung vertraut gemacht haben, sind sie in der Lage, die Mörder zu isolieren und aufzuspüren. Sie arbeiten mit den Einheimischen zusammen. Sie erhielten diese Unterstützung, weil sie nach und nach Vertrauensbeziehungen und Allianzen aufgebaut haben, und weil sie die Zivilisten vor Gewalt schützen.

Die IDF hat nichts dergleichen im Libanon unternommen. Israel gegenüber sind die meisten libanesischen Schiiten dermaßen feindlich eingestellt, dass eine Strategie selbst dann nicht funktionieren würde, wenn David Petraeus selbst sich darum kümmern würde. Sogar dann würden Jahre ins Land gehen, bis man die gewünschten Erfolge erzielte, so wie es im Irak mehrere Jahre dauerte. Israel hat kein Interesse daran, jahrelang im Libanon gegen die Hisbollah zu kämpfen. Internationaler Druck würde es dazu zwingen, wieder rauszugehen.

Eine Strategie nach Petraeus-Muster war für Olmert keine Option. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Effektivität der Strategien von Olmert und Petraeus nicht miteinander vergleichen könnten.

Die IDF kämpfte monatelang - hauptsächlich mit Luftschlägen - einen asymmetrischen Krieg im Libanon. Israel zielte nicht auf Zivilisten, aber es versteht sich von selbst, dass Israel nicht gleichermaßen Zivilisten vor Gewalteinwirkung schützen konnte wie die Amerikaner das im Fall der Irakis tun. Aus der Luft lässt sich das nicht bewerkstelligen. Israel hat überhaupt nichts unternommen, die Leute im Libanon anzuregen, sich auf ihre Seite zu schlagen. Aus der Sicht der Südlibanesen sind die Israelis gesichtslose Feinde, die ihre Städte vom Himmel aus zerstörten.

Bei den gezielten Schlägen wurden viele Hisbollah-Kämpfer getötet, Bunkeranlagen und Waffenlager wurden zerstört. Sichere Gebäude erwiesen sich alles andere als unverletzlich. Zivilisten und Kombattanten wurden hart bestraft.

Aber am Ende des Tages spielte das alles keine Rolle. Die Hisbollah ist immer noch da. Ihre Waffenvorräte wurden vom Iran via Syrien aufgestockt. Zivile Anhänger von Nasrallahs Miliz sind noch wilder anti-israelisch als jemals zuvor. Truppen der UNO, die ins Gebiet entsandt wurden, werden ungewollt für die Hisbollah als „Menschliche Schutzschilde“ dienen, falls wieder ein Krieg ausbrechen sollte.

Währenddessen ist im Irak die Al-Quaida fast überall überwältigt worden. Moqtada al Sadrs radikale schiitische Mahdi-Miliz erklärte eine einseitige Waffenruhe. Viele vorher anti-amerikanischen Feinde haben sich auf unsere Seite geschlagen. Die Gesamtzahl der Gewalttaten wurde um beinahe 90% reduziert. 75% Bagdads sind nun sicher.

Politisch Verantwortliche und militärische Befehlshaber wären gut beraten, beide Vorgehensweisen anhand der asymmetrischen Kriegführung und Bekämpfung von Aufrührern zu analysieren, und sich so nah wie möglich am Petraeus-Modell zu orientieren. Olmerts Modell ist gescheitert.

Senator Barack Obama bevorzugt dennoch die Olmert-Variante, ob er nun explizit daran denkt oder nicht. (In Wirklichkeit bin ich mir sicher, dass er es nicht als Modell "Olmert" versteht, obwohl es im Grunde genau das ist).

„Obama wird sofort damit beginnen, unsere Truppen aus dem Irak abzuziehen“, so ein Statement auf der Website des Senators. „Er wird jeden Monat ein bis zwei Kampfbrigaden abziehen, und innerhalb 16 Monaten wird er all unsere Kampfbrigaden aus dem Irak herausgebracht haben. Obama wird sicherstellen, dass wir im Irak keine permanenten Stützpunkte aufbauen werden. Er wird einige Truppen im Irak halten, um unsere Botschaft und die Diplomaten zu schützen; wenn Al-Quaida versuchen sollte, eine Basis innerhalb des Irak aufzubauen, wird er Truppen im Irak oder anderswo im Gebiet behalten, um gezielt Schläge gegen Al-Quaida durchzuführen.“ (Hervorhebung durch den Autor)

Gezielte Schläge töten einige Terroristen (und tragischerweise oft auch Zivilisten). Aber sie zeigen insgesamt wenig oder keine Wirkung im Krieg gegen Aufrührer in städtischen Gebieten. Vielleicht sollten der Senator oder seine Berater das neue Handbuch zur Kriegführung gegen Aufrührer lesen - das einzige, das sich als effektiv erwiesen hat - und seine Strategie mit gezielten Schlägen vergleichen, die ihre Untauglichkeit bewiesen haben.

Hier nur ein bedenkenswerter Auszug:

Manchmal könnten Sie weniger in Sicherheit leben, je mehr Sie Ihre Streitkräfte schützen.

1-149. Größtmöglicher Erfolg bei COIN [Counterinsurgency] wird erzielt, wenn man die Bevölkerung schützt, nicht [vorrangig; Castollux] die COIN-Kräfte. Wenn die Militärs in ihren Stützpunkten verharren, verlieren sie den Kontakt zu den Menschen, wirken verängstigt und überlassen den Aufständischen die Initiative. Offensive flächendeckende Patrouillen, Aufspüren der Feinde und Abhörmaßnahmen müssen erfolgen, das Risiko mit der Bevölkerung geteilt und der Kontakt aufrechterhalten…. Diese Methoden sichern Zugang zu den Informationen, die für die Ausführung von Aktionen benötigt werden. Ihre Befolgung stärkt die Bindungen mit der Bevölkerung und verhilft dazu, echte Legitimität zu begründen.

Aus “Counterinsurgency/FM 3-24/MCWP 3-33.5”

Diese Strategie stand Olmert und der IDF nicht zur Verfügung. Obama und dem Militär der Vereinigten Staaten wird sie zur Verfügung stehen, sollte er sich dafür entscheiden, sie anzuwenden.

Obama befindet sich im Vorwahlkampf der Demokraten. Vielleicht wird er, wenn er gewählter Oberbefehlshaber ist und nicht mehr den linken Flügel seiner Partei beschwichtigen muss, eine Umkehr vollziehen und Petraeus dort lassen, wo er sich befindet. Aber normalerweise holt der Realitätssinn die Präsidenten von alleine ein.

Er wäre klug, wenn er vorsichtig abwägt, was möglich ist und was nicht; nicht nur im Sinne der USA oder des Irak, sondern aus kühl überlegten und eigennützigen Interessen. Obama ist ein sympathischer Typ. Theoretisch könnte er ein beliebter Präsident werden. Olmert war auch einmal populär, aber er wird es wohl nie wieder werden.

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