Montag, August 29, 2011

Wolfshirten: Die Evangelische Kirche Deutschlands und ihr antijüdischer Komplex

Ein vor zwei Wochen veröffentlichter antiisraelischer Artikel Pfarrer Vollmers im Deutschen Pfarrerblatt und mehrere Entgegnungen dazu in verschiedenen Blogs (siehe Links am Ende meines Beitrags [1]) haben mich zu dieser allgemein gehaltenen Überlegung veranlasst. Und um es gleich zu sagen: Ich behandle in meinem Beitrag nicht Verfehlungen der katholischen Kirche. Man sollte zuerst vor der eigenen Tür kehren.

Drei unterschiedliche Zitate:

[...] Das Bündnis der Kirche mit den konservativen [2] Mächten hat furchtbare Folgen gezeitigt. Wir haben die christliche Freiheit preisgegeben, Lebensformen zu ändern, wenn das Leben der Menschen solche Wandlungen erfordert. Wir haben das Recht zur Revolution abgelehnt, aber die Entwicklung zur schrankenlosen Diktatur gutgeheißen. (Darmstädter Wort 1947)
[...] Hinter dem Ruf nach Frieden verbergen sich die Mörder [3] (Paul Spiegel, 2006 verstorbener Präsident des Zentralrates der Juden)

[...] Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Jesus Christus, Matthäus 25:40)

Vor wenigen Monaten lernte ich ausgerechnet während einer meiner häufigen Radtouren einen privilegierten Theologen-Kollegen aus einem anderen Dekanat kennen, der mich auf meine Frage, warum Christen und Muslime im Heiligen Land seit Jahrzehnten oft gemeinsame Sache gegen Juden machen
(damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet), ohne große Umschweife mit der Antwort überraschte, dass wir Christen (er ist wie ich Lutheraner) zuerst zu allen unseren Glaubensgeschwistern halten müssten - das sei oberste Priorität. Ich war sehr überrascht, und dann nach kurzem Nachdenken doch wieder auch nicht. Es blieb beim Adressenaustausch und einem E-Mail-Kontakt.

Ich könnte auch aus vielen anderen Gesprächen mit Kollegen berichten, die ähnlich verliefen: freundliches Zuhören beim Gegenüber, aber danach beharrliches Schweigen. Man hält sich bedeckt, wenn es um Juden oder den Staat Israel geht: Ja nicht anecken. Gleichzeitig sperrt man Israelfreunde wie mich konsequent aus. 

Eingestaubtes Schuldbekenntnis und die Folgen
Auch den meisten Nichtchristen dürfte eine Passage aus dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche vom Oktober 1945 nicht unbekannt sein:
„Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Woran liegt es, dass mir diese Zeilen heute wieder einmal vorkommen wie der Versuch, sich frömmelnd aus der Verantwortung zu stehlen, abgesehen davon, dass „Im Namen Christi gegen den [nationalsozialistischen] Geist gekämpft […]“ doch eher nach frivoler Hochstapelei klingt denn nach ehrlicher Selbstreflexion, noch dazu, wo in diesen Passagen der Verweis auf die Mitschuld an der Ermordung der europäischen Juden mehr oder weniger ausgeblendet wird? "Grundanständige Gesinnung?"[4]

Es hat viel mit der Geschichte Israels nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun - nicht von der Perspektive der Zionisten aus gesehen, sondern der Interpretation von außen, und damit, wie der junge Staat sich anschickte, selbstbewusst von einer zugedachten Rolle des Opferlamms, das sich widerstandslos zur Schlachtbank führen ließ, Abschied zu nehmen - vom Aufstand im Warschauer Ghetto abgesehen.

Wenn Juden sich auch militärisch wehren sieht man das in EKD-Kreisen nicht allzu gern. Nach 1945 wurden Juden von linken Pazifisten und „progressiven Theologen“ oft gefragt: „Warum habt ihr euch nicht gewehrt? Und nach den aufgezwungenen und erfolgreich bestandenen Kriegen 1967 und später (1973 Jom Kippur), als es wie 1948 und 1956 wieder einmal ums nackte Überleben des jüdischen Staates ging, fragte man dieselben Juden: „Warum wehrt ihr euch?“.

Mehr Heuchelei kann man sich kaum vorstellen.

Natürlich gab es nach 1945 auch Schuldbekenntnisse - oder sollte man sie Absichtserklärungen nennen? -, die eine Mitschuld an der Ermordung der Juden, der Sinti und Roma und auch der Durchführung der Euthanasie thematisierten.
Eines muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen - denn erst im Jahr 1950, auf der Weißenseer Synode der EKD, konnte man sich dazu durchringen, Klartext zu reden:
"Wir sprechen es aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist."

[….]
Wir bekennen uns zu der einen Kirche aus Judenchristen und Heidenchristen. Wir sehen in unseren christlichen Geschwistern jüdischer Herkunft Zeugen unserer unlösbaren Verbundenheit mit dem bleibend erwählten Gottesvolk Israel.

Wenn man den restlichen Text durchgeht - besonders den, der darunter folgt, liest sich das wie eine nachdenklich formulierte Einsicht. Dennoch bleibt die Frage, ob diese Einsicht auch wirklich Bestand hatte. Sieht man sich die Geschichte der protestantischen Theologie/Religionspädagogik seit Beginn der 1960er-Jahre an, muss man zu einem anderen Ergebnis kommen. Und der Zusammenhang mit der 1968er-Bewegung ist nicht zu weit hergeholt.

Seit 1967: Im Schlepptau antiisraelischer Propaganda

Gibt man heute auf der Homepage der EKD den Suchbegriff „Juden“ ein, erhält man 2247 Einträge, die von vielfältigen Verbindungen zur jüdischen Gemeinschaft zeugen. Die EKD trug mit dazu bei, dass der Bundestag im Jahr 2003 einem Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden zustimmte. Es gibt jede Menge Literatur zur christlich-jüdischen und deutsch-israelischen (Geistes-) Geschichte und mindestens ebenso viel Sympathie für tote Juden, deren Ermordung während der NS-Diktatur man regelmäßig am 27. Januar und 9. November (mit Krokodilstränen?) gedenkt.

Mit den lebenden Juden beschäftigt man sich - positiv gesehen - hauptsächlich über die Aktion Sühnezeichen, die in Israel und mittlerweile insgesamt 13 Ländern engagiert ist - außer, man ist gerade wieder einmal damit beschäftigt, gemeinsame Sache mit den Feinden Israels zu machen.

Dabei ist ein Phänomen festzustellen, das auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich ist, bei genauerem Hinsehen jedoch deutlich zum Vorschein kommt - die Parallelität der christlichen Friedensbewegung mit der Abkehr großer Teile der Linken von Israel spätestens seit dem Ende des Sechstagekrieges 1967.

Ich habe eingangs das Darmstädter Wort von 1947 nicht umsonst zitiert, wo es heißt: Das Bündnis der Kirche mit den konservativen Mächten hat furchtbare Folgen gezeitigt. […]. Wir haben das Recht zur Revolution abgelehnt, aber die Entwicklung zur schrankenlosen Diktatur gutgeheißen. 

Es lohnt sich, den Text vollständig durchzulesen, denn dort steht unter der Teilüberschrift Der feudalistische und kapitalistische Irrweg:

Er [Anm. Castollux: Hans Joachim Iwand war Co-Autor neben Karl Barth;] beschrieb sie [die Kirche] als „christliche Front gegen die notwendigen gesellschaftlichen Neuordnungen“ und als „Bündnis mit den konservativen Mächten“. Hier ergänzte [Karl] Barth „Monarchie, Adel, Armee, Großgrundbesitz, Großindustrie“. Das markierte das „christliche Abendland“ als eine in Wahrheit feudalistische und kapitalistische Klassengesellschaft.

Abgesehen davon, dass man schon hier erkennen kann, wohin die Reise der EKD gehen sollte und dann tatsächlich ging, ist hier ein bemerkenswerter Gleichklang mit (ultra-) linken Thesen festzustellen.

Ein Betriebsunfall?

Barth und Iwand sprechen also ganz offen davon, dass eine konservativ strukturierte Kirche als Hemmschuh auf dem Weg zum Sozialismus zu betrachten sei.

Ich denke, dass man nach 6 Jahrzehnten Bundesrepublik einen relativ guten Überblick über die Historie hat, und man kann problemlos feststellen, dass zumindest die Sozialdemokratisierung der bürgerlichen Mitte gemeinsam mit der EKD vollzogen wurde. Denn: wer wollte angesichts solcher Vorgaben zurückbleiben?

Also marschieren EKD sowie Linke, Grüne und „aufgeklärte“ Bürgerliche seit Jahrzehnten Seit’ an Seit’, da sie von der Gewissheit beseelt sind, auf der richtigen Seite zu stehen, denn eines ist klar: Antisemitismus ist ausschließlich ein rechtes Phänomen. Nicht umsonst wird von diesen manchmal unerträglich Rechtschaffenen in Aufrufen gegen Rechtsaußen immer auch ein „gegen Antisemitismus“ hinzugefügt, denn schließlich - so die Eigenwahrnehmung - betrachtet man sich ja lediglich als israelkritisch und höchstens antizionistisch, da Freund Israels und "besorgt" um dessen Wohlergehen. Formulierungen wie Man muss Israel vor sich selbst schützen, Gerade wir als Deutsche wissen...etc. oder Israel sieht seiner Vernichtung entgegen, wenn es so weitermacht, entspringen diesem höchst merkwürdigen Fürsorge-Syndrom deutscher Besserwisser.

1976 schrieb der „Schriftsteller“ Gerhard Zwerenz in der ZEIT:
Ein linker Antisemitismus ist unmöglich. Linke Kritik kann nicht rassistisch, biologistisch, nationalistisch argumentieren. [5]
Dass dem beileibe nicht so ist und Zwerenz damals eine billige marxistisch motivierte Rechtfertigungsdebatte anstieß, hat sich mittlerweile herumgesprochen, wenn auch noch zu wenig. Ich empfehle dazu einen sehr guten Beitrag von Stefan Grigat. 

Das Fatale und eigentlich Unverzeihliche an der Haltung der EKD ist ihre fehlende Distanz zu Antizionisten. Ich kann mich nicht an Literatur erinnern, in der die EKD aufrichtige Genugtuung (sie musste sich ja nicht unbedingt freuen; verlangte von ihr auch niemand) darüber bekundet hätte, dass Israels Verteidigungskriege 1948, 1956 und 1967 - von der Zeit ab Jom Kippur (1973) ganz zu schweigen - zu einem Erfolg für den jüdischen Staat geführt hatten. Selbst der SPIEGEL kriegte sich 1967 nicht mehr ein, als er auf dem Titelblatt mit „Blitzkrieg“ titelte und mit diesem bekannten Terminus aus dem Zweiten Weltkrieg seinen „Respekt“ dafür bekundete, dass die IDF in eine Reihe mit deutschen Landsern gestellt werden könnte, was ihren Mut betraf.

Beinahe zeitgleich mit der 1968er-Bewegung und dem damit einhergehenden Antizionismus in großen Teilen der Linken (Israel hatte das Verbrechen begangen, sich wieder einmal gegen seine Vernichtung zu wehren) machte sich in der EKD mehr und mehr auch der Einfluss von Theologen wie Rudolf Bultmann, Dorothee Sölle, Helmut Gollwitzer u.a. bemerkbar, die mit der linken Szene sympathisierten, einen radikal-pazifistischen Ansatz vertraten und Israel eher feindselig gegenüberstanden.

Fast zwangsläufig entwickelte sich daraus eine linksliberale Religionspädagogik, die sich strukturell am Darmstädter Wort orientierte. Wenn ich an Namen wie Dieter Stoodt, Gert Otto und Siegfried Vierzig denke, fällt mir sofort der Terminus „Ideologiekritischer Religionsunterricht“ ein (ich denke heute noch mit Schaudern daran), der zwar Ablösung von Ideologie verspricht, grundsätzlich aber auf ein sozialistisches Menschenbild abzielt. Ablösung von faschistischer Ideologie rechter Provenienz durch subtil-linke Pädagogik sozusagen, die für sich selbstredend in Anspruch nimmt, ideologiefrei zu sein.

Wie sehr es sich zudem bei den meisten Aussagen der EKD und prinzipiell beider Volkskirchen, das Sicherheitsbedürfnis Israels nachvollziehen zu können, um Lippenbekenntnisse handelt, zeigt sich spätestens dann, wenn der jüdische Staat Gewalt einsetzen muss, um seine Bürger zu schützen.

Da die Kirche auch hier dem mittlerweile gesellschaftlich vorherrschenden radikalpazifistischen Ansatz folgt, dass (punktueller) Gewalteinsatz mit Krieg gleichzusetzen sei, ist es geradezu logisch, dass die EKD den Juden „empfiehlt“, sich der Vernichtung schutzlos preiszugeben.

Sätze wie „Gewalt bringt keinen Frieden“ und deren letztlich innewohnende Botschaft, Israel solle gefälligst Selbstmord begehen, rufen immer wieder auf fatale Weise ins Gedächtnis, dass ohne den Gewalteinsatz/Krieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland und Japan wohl kaum Frieden geherrscht hätte - und Freiheit schon gar nicht (dergleichen Beispiele gibt es genug).

Mein offenes Schreiben an den bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich blieb damals (2006) konsequenterweise unbeantwortet. Schließlich hätte er mir ja auch erklären müssen, warum die EKD zwischen 2000 und 2006 beharrlich geschwiegen hatte, als vom Südlibanon aus tausende Katyusha-Raketen auf den Norden Israels abgefeuert worden waren (Friedrich sprach darüber erst, als Israel "unverhältnismäßig" reagiert hatte, also in seinem Kommentar im Sommer 2006) . Vielleicht war die EKD während dieser Zeit ja auch damit beschäftigt, die Hisbollah zum Gewaltverzicht zu bewegen? Ironie off...

Auch 2007 kam es auch zu einem entlarvenden Faupax: Im Zuge des Besuches einer EKD-Delegation in Israel war auf der mitgeführten Landkarte schlicht die Nichtexistenz Israels beschlossen worden. Die Entschuldigungen fielen erbärmlich aus. Hier eine Sammlung des Nahost-Korrespondenten Ulrich Sahm zum Ablauf des diplomatischen Desasters sowie die Reaktionen darauf.


Ob uns Kreuze vorne schmücken oder Kreuze hinten drücken

Merkwürdig: Immer dann, wenn man glaubt, die EKD würde aus ihren Entgleisungen lernen, holt sie bzw. Mitglieder ihrer Landeskirchen - meist in (peinlicher) Zusammenarbeit mit der offen antisemitischen katholischen Organisation Pax Christi - zum nächsten Schlag aus. Die Veranstaltung “Partner für den Frieden – Mit Hamas und Fatah reden” der Evangelischen Akademie Bad Boll im Juni 2010 fällt unter diese Rubrik. Auf vielfachen Protest hatte sich schließlich die Leitung zu einer lauwarmen Erklärung durchgerungen. Wie begierig das antisemitische Stelldichein letztendlich angenommen worden war, zeigt dieser widerlich riechende Beitrag auf der Homepage der AG Friedensforschung.

Fazit:

Die EKD als soziales und grünes Gewissen Deutschlands: das heißt oft, von wenigen Ausnahmen abgesehen:
Gleichmacherei, bagatellisierende Pädagogisierung der biblischen Wahrheit und synkretistische Ökologismus-Ersatzreligion statt klarer und verbindlicher Predigt des Evangeliums und dessen verantwortliche Umsetzung in der Pädagogik. Daran hat man sich mittlerweile schon gewöhnen müssen

Dass jedoch seit einigen Jahren landauf, landab palästinensische Pfarrer eingeladen werden, antisemitische Vorträge in hiesigen evangelischen Gemeinden, Büchereien und Altenheimen zu halten (die armen Senioren!), das hat eine neue Qualität.

Wie schon der eingangs von mir erwähnte Kollege sagte: „Wir müssen zuerst unsere Mitchristen unterstützen“.

Ach Gott. Vielen Dank auch. Auf diese Form der Unterstützung kann man getrost pfeifen.
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Anmerkungen:
[1] Dazu ausführlich und berechtigt ziemlich harsch:
f) http://heplev.wordpress.com/2011/08/19/mehr-mull-vom-deutschen-pfarrerblatt/

[2 ] Die Festlegung auf Konservative Mächte als Gegner dürfte die Programmatik der EKD für die nächsten Jahrzehnte bis heute vorgezeichnet haben: „Konservativ = rechtsradikal bis rechtsextrem, „Links“ ist fortschrittlich. Man sehe sich nur die Programmgestaltung auf den Kirchengtagen seit Ende der 1970er-Jahre an.

[3 ] Natürlich meinte Paul Spiegel damit nicht per se Pazifisten, sondern diejenigen, die, wie die Hamas, Hisbollah etc. und andere Araber, Frieden (Waffenstillstand [arab.: Hudna]) anbieten, diesen aber dazu nutzen, um weiterhin und verstärkt nach der Vernichtung Israels zu trachten. Aber, und das meinte Paul Spiegel auch: Die (Radikal-) Pazifisten spielen den Mördern in die Karten, weil naiv oder antizionistisch/antiisraelisch motiviert. Deshalb diese pointierte Formulierung.
[4 ] Kurze Zusammenfassung von Edgar Dahl (http://www.scilogs.de/wblogs/blog/libertarian/allgemein/2011-08-23/kirche-unterm-hakenkreuz)
[5 ] Die Digitalisierung des ZEIT-Archivs brachte es mit sich, dass sich dort Druckfehlerteufel einschlichen. Deren Behebung würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Weitere Reaktionen auf Pastor Vollmer:

Timo Stein, CICERO:Evangelischer Schulterschluss mit der Hamas
http://www.cicero.de/blog/timo-stein/2011-09-02/Jochen%20Vollmer-evangelischer-schulterschluss-mit-der-hamas
Martin Krauss, Jüdische Allgemeine: Böser Jahwe. Antisemitismus im evangelischen »Pfarrerblatt«
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11173

Prof. Dr. Karl E. Grözinger: Die christlich-theologische Anmaßung, das Judentum definieren zu wollen
:
http://spme.net/cgi-bin/articles.cgi?ID=8348

Noch einmal HEPLEV: Der Vorsitzende des Pfarrerverbands hat den Schuss immer noch nicht gehört
http://heplev.wordpress.com/2011/09/09/der-vorsitzende-des-pfarrerverbands-hat-den-schuss-immer-noch-nicht-gehort/#wpl-likebox

Mittwoch, August 24, 2011

"Der arme Junge!"

Mohammed Attas Ex-Professor Dittmar Machule und sein ganz persönliches 9/11-Desaster. So können deutsche Befindlichkeiten aussehen. Ach ja, 2005 hat er Ground Zero besucht, der Herr Emeritus.

SPIEGEL-Fotoalbum:
Am 13. September flimmerte dieses Foto von Atta über die Bildschirme in aller Welt. Machules erster Gedanke, als er das Bild seines Studenten sah: Was machen die jetzt mit dem armen Jungen? Wie die den verhören werden… Dass von Atta nichts mehr zum Verhören übrig war, daran dachte er nicht.
Lesen Sie sich mal die Bildunterschriften der gesamten Fotostrecke durch. Aufschlussreich auch, wie schnell sich Dittmar Machule bereit erklärte hatte, der Gruppe um Atta ein islamistisch ausgerichtetes Domizil zu verschaffen - und das nur einen Steinwurf vom Fakultätstrakt entfernt.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-71549-4.html

Montag, August 22, 2011

Islamische Pädagogik, Kindererziehung und Nächstenliebe 2.0

Sehen Sie sich das Video an (auch Klick auf die Abbildung) und Sie werden sicher nicht sagen:
Das muss man ertragen

oder

Das sind zu berücksichtigende kulturell-religiöse Besonderheiten
nach Artikel 4 GG,
die es zu schützen gilt


Im Vordergrund (nicht zu sehen) lacht sich der Kameramann fast scheps ins Fäustchen. Der scheint diese widerliche Bastonade auch noch lustig zu finden. Ich vermute, dass die Aufnahme aus Pakistan oder Afghanistan stammt (wegen der Kleidung), bin mir allerdings nicht sicher.

Was hat diese widerliche Prügelei mit islamischer "Seelsorge" zu tun?

Ich denke, wahrscheinlich viel, oder nicht? Man sehe sich nur diesen schmierigen Typen an, der sich an der Angst der Kinder regelrecht weidet. "Seelsorger"? Wo hat der eine Ausbildung genossen?

"Weide meine Lämmer oder Ähnliches" nach Islam-Style?

Habe ich meine Worte zu scharf gewählt?

Um das JETZT in einer ganz bestimmten Parallelgesellschaft geht es, nicht um billigen Kulturrelativismus, der es jedem recht machen will, nur um zukünftige Wählergenerationen zu generieren.

Klicken Sie hier oder auf die Grafik oben. Die unscharfe Bildqualität bitte ich zu entschuldigen.


Wer außerdem wissen will, was die Inschriften der Kalligraphie Galeere des Glaubens bedeuten, klickt auf einen Beitrag, den ich im April dieses Jahres eingestellt hatte.

Sonntag, August 14, 2011

50 Jahre Mauerbau aus der Karnickelperspektive

Da das Thema Mauerbau in den letzten Tagen ausführlich besprochen wurde - auch zum streng riechenden Pamphlet dieser Helden wurde einiges geschrieben -, werde ich mich dazu nicht mehr äußern. Meinen Standpunkt zur Verharmlosung des DDR-Faschismus kennt man.

Was ich aber den Castollux-Lesern nicht vorenthalten möchte:

Gestern Nacht wurde im Bayerischen Fernsehen die deutsch-polnische Dokumentation Mauerhase wiederholt (Oscar-Nominierung 2010 in der Kategorie Kurzfilm), über die der Sender auf seiner Internetseite schreibt:

Der Dokumentarfilm von Bartek Konopka und Piotr Rosolowski nimmt die "Perspektive" dieser "Mauerhasen" ein, die ohne jeden Argwohn ein paradiesisches Dasein inmitten üppigen Grüns führen. Mögliche Feinde hält ein großer Zaun ab, später dann die unüberwindbare Mauer. Bewaffnete Wächter übernehmen persönlich die Verantwortung für das Wohlergehen der possierlichen Tiere.

Die enge Nachbarschaft von Grenzsoldaten und Kaninchen ["Auf Kaninchen hätte man nicht schießen dürfen"] fördert ein geradezu inniges Verhältnis. […]. Ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm über Tiere und Menschen. Zum Lernen und Lachen.

Absolut sehenswert!

Hier oder auf die Abbildung klicken.


Teil 2

Teil 3

Teil 4 (unten) habe ich nur der Form halber angehängt, wegen des Abspanns.

Teil 4

Donnerstag, August 04, 2011

Ade, mein liebes Willishausen, ade!

Vorgestern hatten meine Freundin Anita und ich uns für eine Fahrradtour entschieden, die mich an den Ort meiner Kindheit erinnert, der für immer in meinem Gedächtnis haften wird: Ein uraltes Ferienheim im verschlafenen Willishausen, einem kleinem Dorf nahe Diedorf bei Augsburg.

Zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken.

Ist es nicht schön?


Und verzaubernd heimelig?



Der Autor dieses Artikels in Bildmitte unten - vordere Reihe mit dem Edelweißstern auf dem Lederhosenlatz; Vierter von links (der Kleinste, etwas skeptisch dreinschauend, verschüchtert; ganz gegen meine Art heute).


Rechts neben mir mein zweitältester Bruder Manfred (draufgängerisch, heute politisch weit links stehend); ganz rechts knieend meine zweitälteste Schwester Lilo (unbekümmert mit dem Heiligen Geist im Gepäck); in der hinteren Reihe die Dritte von links meine älteste Schwester Waltraud (immer im Einsatz für das Karitative und Haushalterische). Der Zweite vorne links ist Oskar (lustig-trotzig), ein Sinti, der es sehr viel schwerer hatte als die anderen Heimkinder in der damaligen Zeit...; aber ab und zu hat er mir eine verpasst, wenn ich "Zigeuner" zu ihm sagte. Danach, als die Fronten abgesteckt waren, wurden wir die besten Freunde. Und ich lernte etwas für's Leben.


Man fährt Willishausen über entlegene kleine Wege an -
umsäumt von meterhohen Gräsern, Sonnenblumen und Sträuchern. Fast so wie vor gut 50 Jahren.

Zuerst passiert man bei Diedorf den Bahnhof, der in meiner Kindheitserinnerung wie Lummerlands Station von Michael Andes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer aussah. Danach biegt man rechts ab, überquert die Schmutter, ein sich lieblich dahinschlängelndes Bächlein, und fährt geradewegs in den stillen Ort hinein.

Manches erinnert heute noch an die 1960er-Jahre: Die Kirche, der wohltuende Geruch von Kühen, die alten Odelwagen, die Frische des Waldes, die in das Paradies meiner Kindheit hineinweht, bröckelnde Fassaden, das standhafte Wirtshaus und manch’ ergraute Bewohner, die mir sagen: „Ach, Sie waren damals auch eines von den vielen Kindern des Evangelischen Waisenhauses Augsburg, die bei uns Ferien gemacht haben?“ Selbst an die amerikanischen Truppentransporter und Jeeps denke ich bisweilen, die uns überall hinkutschiert haben - auch nach Willishausen, nur um uns Kindern eine Freude zu bereiten.*

Zum Foto unten: Der Autor träumt vor sich hin und bastelt an irgendeinem zukünftigen Artikel, den er zwar schon im Kopf hat, aber noch nicht artikulieren kann (heute vielleicht auch nicht). Natürlich wieder der Kleinste (Dritter von rechts). Und irgendwie schauen wir alle unlustig drein. Was soll's: Ich bin heute trotzdem fröhlich. Und ich weiß warum.


Als Anita und ich die Fahrräder vor dem wie eh und je wunderschönen und vermodernden Holzgartenzaun geparkt hatten, der wohl seit Jahrzehnten [zum Glück] nie gestrichen worden war, sagte ich zu ihr: „Jetzt lass’ uns doch einmal den Nachbarn nach den Schlüsseln fragen“. Ein paar Minuten später kam er aus seinem Hof und erfüllte unseren Wunsch.

Es war unser vorerst letzter Besuch dort. Der freundliche Mann hatte uns gesagt, dass das Haus mittlerweile verkauft worden sei und dort eine Villa errichtet werden würde, so wie auf den Grundstücken daneben [ich wusste das vorher nicht]. Schade. Aber schön, dass ich Anita noch etwas aus meiner Kindheit zeigen konnte.

In den 1950er- Jahren hatte der Augsburger Arbeiterverein das Gebäude für unser Evangelisches Waisenhaus zur Verfügung gestellt und baulich unterhalten. Seit den 1990er-Jahren übernahm eine christliche Jugendgruppe der hiesigen evangelischen Augsburger Jakobskirche das Haus, führte eine Innenrenovierung durch und nutzte es als Freizeitheim. Langsam ging das Projekt aber den Bach runter.  

Ich wollte jedoch unbedingt wissen, ob mich die eine oder andere Räumlichkeit noch an die 1960er-Jahre erinnert. Anita hat sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen gezeigt!

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass damals - in meinen Kindheitstagen - wegen Platzmangels mein zweitältester Bruder Manfred mit mir in ein Bett verfrachtet wurde: seine Füße an meinem Kopf und meine Füße an seinem. Lustig, gell? Wie Ölsardinen. Und gerangelt hatten wir uns wegen des Platzmangels auch, soweit ich mich erinnere - im Schlaf natürlich. Vielleicht ist er deshalb heute ein störrischer Marxist und ich ein unverbesserlicher Stockkonservativer ;-) Aber vielleicht kommen ja Kopf und Fuß irgendwann wieder zusammen, wenn auf beiden Seiten genügend Wille zur Versöhnung besteht.


Oder ich denke an meine Schwester Lilo, die als Hawaii-Mädchen posierte. Für mich eines der schönsten Fotos überhaupt in meinem Archiv (rechts).

Das Schönste in Willishausen waren die Wanderungen in den Wald und die Felder ringsum, Tannenzapfenschlachten, Basteln von „Pfeil und Bogen“ sowie die gelegentlichen „Aushilfen“ bei der Heuernte, wo wir auf den Wagen sitzen durften, die teilweise noch von Pferden gezogen wurden.

Der „Echowald“ beeindruckte uns Kinder besonders: ein auf einer leichten Anhöhe gelegener Tannenwald (wie bei Hänsel und Gretel, der heute noch steht), der laut Auskunft der Ortsansässigen eine besondere Eigenschaft aufwies: Wenn man hineinrief, bekam man ein starkes Echo. Beispiel: „Was essen die Studenten?“ Antwort des Waldes: "E.E.E...Enten". Natürlich haben wir Kinder dann alle möglichen Wort- und Satzkombinationen reingerufen, die uns so einfielen (Wie man in den Wald reinruft so kommt es heraus).

All’ diese Erinnerungen sind seit vorgestern endgültig Geschichte: Anita und ich haben uns das Innere des Ferienhauses angesehen und [ich] habe festgestellt, dass außer den Raummaßen nichts mehr so ist wie es war: Überall Rigips-Renovierung und architektonische Kühle. Immerhin konnte ich noch feststellen, wo Manfreds und mein Schlafplatz war. War schon bewegend für einen kurzen Augenblick, gebe ich zu.

Fazit: Reisen in die Vergangenheit sind meistens desillusionierend, weil man als Kind ganz andere Vorstellungen von Raum und Zeit hatte, dazu ganz andere Sinnesempfindungen. Dazu gehören Bilderfahrungen, Gerüche, Geräusche, schwärmerische Emotionen, Wahrnehmungen im Kontakt mit der Natur etc.

Da machte ich mir vor der Radtour auch nichts vor. Dennoch will man aber den Sachen „auf den Grund gehen“, noch einmal wissen, wie es denn „wirklich war“. So geht es vielleicht vielen Lesern. Und da habe ich vorgestern abschließende Erfahrungen gesammelt:

„Lass’ die Vergangenheit da, wo sie hingehört, nämlich eben in dieser Zeit. Bewahre aber im Herzen all’ das, was dort gut war: schöne Sinneserfahrungen, liebevolle Gemeinschaft und Kraftquell für die Zukunft!“

In den nächsten Monaten wird das Ferienheim Willishausen abgerissen** und an seiner Statt eine Villa gebaut, die keine alte Geschichte haben wird - sicher aber eine neue für andere Kinder. Für viele ehemalige Waisenhauszöglinge mehrerer Generationen wird - wie für mich - ein Stück alte Heimat verloren gehen. Aber gleichzeitig wächst ein neues Stück Heimat für andere Menschen heran. Das sollte man respektieren und wertschätzen, auch wenn ich jetzt etwas wehmütig gestimmt bin.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir diese Zeit in den 1960er-Jahren geschenkt wurde. Das muss und darf reichen.


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*Ganz abgesehen davon, wie viel Freude uns die amerikanischen "Besatzer" bereitet hatten, wenn sie uns zu Fest- und Feiertagen in die Kasernen und ihre Privatwohnungen eingeladen hatten und wunderschöne Tage bereiteten. Das werde ich nie vergessen!

**Wider Erwarten ist das Haus nun doch nicht abgerissen worden. Die neuen Grundstückseigentümer (ein junges Paar) haben zwar davor ein neues (Holz-) Haus gebaut, wollen das alte Gebäude vorerst aber stehen lassen. Sie sagten mir und Anita, dass sie dort vielleicht eine Übernachtungsmöglichkeit einrichten. Ich werde hier für meine Leserbriefschreiber bald ein neues Bild einstellen (muss ich noch fotografieren).

Dienstag, August 02, 2011

Che, S21, Geißler und der totale Krieg

Man muss wohl nicht groß kommentieren, welchen weltanschaulichen Horizont dieser Gegner von Stuttart 21 hat, wenn er das Konterfei des durchgeknallten Killers Che auf dem T-Shirt trägt.

Den Horizont Heiner Geißlers kennen wir aus seligen Generalsekretärzeiten ("Die Pazifisten haben Auschwitz erst möglich gemacht"). Dass der Mann nebst aller rhetorischen Brillanz (Jesuitenschüler) ab und zu "a Schepperle" hat, sollte man nie vergessen.

Jetzt glänzte er im Deutschlandfunk-Interview mit der These, dass in Stuttgart der "totale Krieg" anstehe. Klar: wo der Juchtenkäfer bedroht ist, muss sich der gesunde Volkszorn Bahn brechen, oder in Anlehnung an Geißlers Redekunst: "Nun Volk steh auf und Sturm brich los!"

Mehr Bilder von der friedlichen Demo der Käfer- und Baumschützer letzten Montag hier.

Quelle: RP-online.

Samstag, Juli 30, 2011

Schade um die Buchstaben: Hannes Stein zum Terroranschlag in Norwegen

Jetzt verstehe ich Hannes Stein überhaupt nicht mehr. Und nach seinem letzten Interview mit der taz geht er mir - ganz ehrlich gesagt - mehr und mehr auf den Geist mit seiner pastoral daherkommenden Gesinnungsethik. Hoffentlich kommt er bald wieder zur Besinnung. Sein taz-Interview spreche ich weiter unten an.

Vor wenigen Tagen hatte Hannes Stein einen - wie ich beim oberflächlichen Lesen dachte - relativ sachlichen Beitrag darüber geschrieben, wie Ulrich Sahms Meldung über eine antiisraelische Veranstaltung der sozialistischen Jugend auf der Insel Utøya bei Oslo zu bewerten sei - nämlich im Kontext der Ereignisse vor dem Terroranschlag.

Die Post-Analyse war teilweise zutreffend - ich hatte sie schon vor über drei Jahren ähnlich formuliert, als kaum ein Mensch darüber nachdachte, Hannes Stein erst recht nicht, weil er sich damals noch im Tiefschlaf befand, was das Thema betraf. Mittlerweile ist aber eine Menge Wasser den Hudson River bei ihm und den Lech hier bei mir im Voralpenland heruntergeflossen.

Hannes Stein begeht schon Fehler in der Diktion mancher Passagen, oder besser gesagt, in der Wortwahl generell - für einen erfahrenen Journalisten eigentlich ungewöhnlich. So schreibt er beispielsweise:
[…] Was ist die Ideologie des Mörders? Er hasst den Islam (nicht den islamischen Fundamentalismus, nicht Al Qaida, nicht die „Islamische Republik Iran“, sondern den Islam). Er hasst Muslime (nicht Achmadinedschad, nicht Osama Bin Laden, nicht Ayman al-Zawahiri, sondern alle Muslime von Indonesien über Indien bis Kurdistan). Er hasst „Marxisten“ (nicht Lenin, Stalin, Trotzki, Mao und Che Guevara, sondern alle Linken).
Was Hannes Stein hier von sich gibt, ist geifernder Unsinn, auch wenn er sich vordergründig auf den Täter bezieht, und journalistisch fast schon unredlich, weil ideologisch gestanzt (Sorry, Hannes!).
Er übernimmt - unwissentlich oder nicht - an dieser Stelle bedenkenlos und holzschnittartig Formulierungen wie „hasst den Islam“, „hasst Muslime“ und „hasst Marxisten“. Das ist so klar wie Kloßbrühe und trifft selbstverständlich auf die Person des Terroristen selbst zu, aber Stein kopiert hier sprachlich und spiegelbildlich genau dasselbe Vokabular derjenigen, die er bekämpft. Vielleicht bemerkt er diesen Fauxpas nicht einmal.

Was hat er da vom Stapel gelassen? Und welche Unterstellungen hat er hier vorgenommen?

Wäre es okay, wenn er in einem Aufwasch sämtliche Islamkritiker als „rechtsradikal“ einstuft, weil sie z.B. zu Recht Erdogans Slogan
„Der Islam ist vom Islamismus nicht zu unterscheiden. Es gibt nur den Islam“
ernst nehmen, was er [Hannes Stein] aber unausgesprochen als indiskutabel zu implizieren scheint?
Sind es dann die Kritiker, die man wegen der Zitation dieser Phrase zur Verantwortung ziehen muss, oder derjenige /diejenigen Muslime (Christen u.a. können es also schlecht sein), die diese Phrase herausposaunen?

War es Mohammed Atta, der den Koran zitiert hat, bevor er in die Twin Towers reingerauscht ist, oder war es Hannes Steins Phraseologie, die Atta im Nachhinein hilfreich das Gütesiegel „Islamismus“ aufgedrückt hatte, weil der vom edlen „Ur-Islam“ abgerückt sei, den man sowieso nicht zu scharf kritisieren solle, da ja so vielschichtig?

Hier zeigt sich die bedenkliche Naivität Hannes Steins in theologischen Fragen besonders deutlich. Er versteht davon überhaupt nichts.
Ist es in Ordnung, wenn Hannes Stein also mehr oder weniger stringent insinuiert, dass zwischen rechtsradikalen/extremen Islamkritikern auf der einen Seite und liberalen, konservativen und linken Islamkritikern auf der anderen Seite ein Zusammenhang bestünde?
Hannes Steins Vorgehensweise ist hier besonders indifferent, unausgegoren und schwatzhaft, so sehr ich ihn auch aufgrund mancher Kontakte in den letzten Jahren schätze. Mit Formulierungen wie dieser schafft Hannes Stein genau das, was er [selbst] möglicherweise vermeiden wollte - nämlich eine Weichzeichnung des Unterschiedes zwischen Mensch und Ideologie. Er sorgt nicht für Differenzierung, sondern zündet selbst ideologische Nebelkerzen.

Kaum jemand in unserer befreundeten Blogosphäre - und ich am allerwenigsten - hat die Notwendigkeit bestritten, zwischen persönlicher Beziehung zu Menschen und der Hinterfragung ihrer Ideologie sorgfältig zu unterscheiden. Genau diese Unterscheidung trifft Hannes Stein aber nicht mehr, weil er eine [mediale/blogosphärische] Absprache unter allen Islamkritikern unterstellt, die nicht dem Bild entsprechen, das er selbst sich von [Gesellschafts-] Islamkritikern macht. In seinem Rundumschlag lässt er alles vermissen, was einen guten Journalisten auszeichnet: Nachdenklichkeit, Reflexion und sorgsame Wortwahl.
Im taz-Interview antwortet Hannes Stein auf die Frage
Was verteidigen Sie denn?
Die offene Gesellschaft. Etwa die Meinungsfreiheit mitsamt der Freiheit, den Islam zu kritisieren. Flemming Rose von der dänischen Zeitung Jylland Posten hat dazu einmal gesagt: Er möchte, dass die Muslime in Europa integriert werden. Dazu gehört, dass man sich über ihre Religion genauso lustig machen kann wie über, sagen wir, den Katholizismus. Die Muslime haben, so komisch das klingt, ein Recht darauf.
Das wirkt auf mich fast schon abstoßend, wenn man das bisher diskutierte Sujet heranzieht und bedenkt, was unten folgt.

Hannes Stein unterstellt hier unausgesprochen, dass jegliche [Gewalt-] Reaktion der Muslime auf säkulare Kritik am Islam „erlaubt“ und Grundvoraussetzung einer "offenen" Gesellschaft sei - allerdings so, wie er sie halluziniert. Hier agiert er interesannterweise sehr radikal.

Ich behaupte das , weil er es an diesem Punkt nicht näher ausführt. Wäre er ein konsequent arbeitender Journalist, dann hätte er die konkreten Bedingungen angegeben, unter denen wechselseitige Kritik zwischen Islam und am Christentum stattfindet. Das hat er aber nicht gemacht, von der real existierend krassen Unverhältnismäßigkeit der Kritik an Christentum einerseits bzw. Islam andererseits ganz abgesehen. Das kann man am Alltagsleben ablesen (Essensvorschriften, Justizwesen, Schulordung, Scharia-Verharmlosung, Abschaffung christlicher Feiern in vorauseilendem Gehorsam etc.pp.).

Und weiter führt er aus:
Übrigens ist es bei den Verteidigern des christlichen Abendlandes mit dem Philosemitismus meistens schlagartig vorbei, wenn man auf Auschwitz zu sprechen kommt.
Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Ich weiß selbst, dass es unter so genannten Israelfreunden Antisemiten gibt, und ich habe das auch selbst oft genug thematisiert, werde das auch immer tun. Aber dass Hannes Stein sich zu einer derart pauschal-primitiven und hässlichen Äußerung hinreißen lässt, hätte ich niemals erwartet. Und wieder wirft er alles in einen Topf. Ich kommentiere das weiter nicht, weil es Zeitverschwendung ist.

Sein Schlusssatz:
Ich antworte mit einer einfachen Unterscheidung, die wir von Karl Popper gelernt haben: Ideen sollen im öffentlichen Raum gegeneinander antreten, auch der Islam in all seinen Spielarten. Ideen brauchen keinen Schutz; Kritik an ihnen, auch erbarmungslose, auch irrtümliche, ist erlaubt. Mit Menschen ist es etwas anderes. Menschen müssen geschützt werden.
Das hört sich sehr, sehr nach einem Lippenbekenntnis an, wenn es denn tatsächlich darum ginge, dass auch Islamkritiker ein Recht auf Schutz haben!

Zum Schluss möchte ich noch kurz ein Gespräch erwähnen, das wir vor etwa zwei Jahren per E-Mail führten (ich verrate da keine Geheimnisse, bin also nicht indiskret). Es ging um einen Beitrag Navid Kermanis (des Ehemanns von Katajun Amirpur) in der NZZ: Er hatte sich damals in ziemlich obszöner Art und Weise über die Darstellung des Kreuzestodes Jesu Christi echauffiert. Gut, das kann man je nach Weltanschauung verschieden betrachten.

Kann Hannes Stein sich noch daran erinnern, wie er Kermanis "Bildbetrachtung" mir gegenüber verteidigt hatte? Die gröbsten Hässlichkeiten gegen das Christentum hat er als „Freiheit der Kunst“ zu verteidigen versucht. Ich hatte damals attestiert, dass diese Freiheit eine Selbstverständlichkeit wäre, Kermani aber sehr pingelig reagiere, wenn Islamkritik geäußert werden würde. Von Hannes Stein habe ich nie wieder etwas zum Thema gehört geschweige denn leise Kritik an Kermani….
Abgesehen von seiner übertriebenen Sympathie für den Iraner: Kann er mir mal erklären, warum er bei Islamkritik bzw. Kritik an Muslimen so hektisch reagiert und gleichzeitig beim Umgang mit christlichen Gefühlen bzw. verfolgten Christen so großzügig und gleichgültig, obwohl jedes Jahr mehr als 15.000 Christen weltweit von Muslimen ermordet werden?

Mensch Hannes: Dein einseitig vorgebrachter moralischer Rigorismus geht mir auf den Keks!
Und zitiere bitte erst dann wieder Karl Popper, wenn du ihn auch wirklich ernst nimmst.

Freitag, Juli 29, 2011

Nachbetrachtung zu Norwegen: Ordnung und Struktur in die Debatte bringen

Ich selbst hatte eigentlich auch vor, zu den Schuldzuweisungen der Tugendwächter deutscher Medien, die nach den schrecklichen Ereignissen in Norwegen reflexartig und heuchlerisch - ja heuchlerisch! - gegen Autoren wie Henryk M. Broder, Gideon Böss und Richard Herzinger, um nur drei zu nennen, zu Felde gezogen waren und ihnen geistige Brandstifterschaft vorgeworfen hatten, etwas zu schreiben (Weiter unten wird darauf Bezug genommen). Im benachbarten Ausland kam, wie aufmerksame Leser wie Sie festgestellt haben dürften, diese Debatte so gut wie gar nicht auf. Irgendwie merkwürdig, nicht wahr?

Lizas Welt hat zu diesem komplexen Sachverhalt einen sehr gut durchdachten und äußerst sorgfältig formulierten Beitrag geschrieben - und viele meiner Gedanken quasi vorweggenommen. Vielen Dank dafür!

Zu Hannes Steins Beitrag auf Achgut (leicht kritikwürdig, würde ich sagen) werde ich im nächsten Castollux-Beitrag Stellung beziehen. Sein Kommentar kommt zwar versöhnlich daher, weist meines Erachtes aber einige argumentative Schwachstellen auf.


Paranoia mit Parallelen

Lizas Welt

(Bild rechts von Lizas Welt übernommen)

Zurzeit wird viel darüber räsoniert und spekuliert, was (und wer) Anders Breivik dazu getrieben haben könnte, erst eine Bombe zu zünden und dann mit stoischer Ruhe einen Massenmord an Minderjährigen zu verüben. Ist er ein isolierter Psychopath mit Allmachtsfantasien? Oder muss man ihn vielmehr als terroristische Speerspitze einer größeren, bedrohlichen Bewegung wider den Islam und den „Multikulturalismus“ betrachten? Vor allem der letztgenannte Erklärungsansatz hat in den vergangenen Tagen – genauer gesagt: seit dem Beginn der Verbreitung von Breiviks über 1.500 Seiten umfassender, als „Manifest“ deklarierter Kampfschrift – rasant an Popularität gewonnen. Denn in diesem wirren und irren Pamphlet nimmt der Mörder Bezug auf allerlei Denker, Ideen und Ideologien – und weil Immanuel Kant, George Orwell, Winston Churchill und John Stuart Mill es dummerweise versäumt haben, ihre Texte ins Internet zu stellen, stürzen sich zahlreiche Medien hierzulande auf von Breivik zitierte lebende Personen, allen voran auf Henryk M. Broder, und verkünden sogleich ihre Urteile, die von „Stichwortgeber“ bis zu „geistiger Brandstifter“ reichen (und eine Flut von widerwärtigen Droh- und Hassmails an Broder ausgelöst haben). Dieselben Leute, die noch bei jedem Anschlag oder Attentat einer islamistischen Terrororganisation zur Zurückhaltung mahnen, vor einem „Generalverdacht“ warnen oder gar ein gewisses Verständnis für die jeweilige Tat nicht verhehlen, können jetzt gar nicht schnell genug die vermeintlichen ideologischen Hintermänner (sowie gegebenenfalls deren Vereinigungen) eines wahnsinnig gewordenen, mörderischen, vom Herrenmenschentum besessenen Einzeltäters – und ein solcher ist Anders Breivik nach Stand der Dinge zunächst einmal – an den Pranger stellen.

Das Entsetzen über das Massaker wich in Deutschland bemerkenswert schnell einer (Mit-) Schuldzuweisung an so ziemlich alle, die sich jemals in irgendeiner Form kritisch oder ablehnend gegenüber dem Islam geäußert haben. Und da die vielen politischen Strömungen, die in dieser reichlich diffusen Menge vertreten sein sollen, dann doch erkennbar mehr trennt als eint, muss sich eine Klammer finden lassen, die sie dennoch unwiderruflich zusammenhält, etwas also, das über allem steht und den vermeintlich gemeinsamen Kampf gegen den Islam dominiert. Es war nur eine Frage der Zeit, wann jemand ausspricht, wer oder was denn diese Klammer sein soll, und so preschte die öffentlich-rechtliche Rundfunkjournalistin Bettina Marx vor: Die „Begeisterung für Israel“ eine „die linken und rechten Islamfeinde“, denn „in dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan sehen sie den Brückenkopf des Westens im Nahen Osten und das Bollwerk gegen den Islamismus“. Ja, mehr noch: „Kritik an der Politik Jerusalems weisen sie als Antisemitismus zurück, die legitimen Ansprüche der Palästinenser gelten für sie nicht. Die Palästinenser werden pauschal als Terroristen verunglimpft.“ Und so lässt sich schließlich der ganz große Bogen spannen: „Von den christlichen Fundamentalisten in den USA und ihrer politischen Vertretung in der Tea Party über linke Antideutsche bis hin zu den neofaschistischen Parteien in Italien und Osteuropa reicht die Achse der islamophoben Israelfreunde.“ Fehlt noch jemand? Genau, das Objekt der Begeisterung höchstselbst: „Die Regierung in Jerusalem heißt all diese Unterstützer willkommen.“

Und gehört nicht auch Anders Breivik zu diesen Unterstützern? Man munkelt ja, er sei ausweislich seines „Manifestes“ ein Freund des jüdischen Staates und überhaupt der Juden. Dass Breivik die hellsichtigen Kritiken der Frankfurter Schule als das Werk destruktiver, linker, „kulturmarxistischer“ Juden betrachtet, die Europa eine „Political Correctness“ aufgezwungen und es in den „Multikulturalismus“ (also in den Untergang) getrieben hätten, dass er glaubt, die USA habe ein „Judenproblem“, dass er von einer „Holocaust-Religion“ fabuliert, die der Erkenntnis im Wege stehe, dass der Islam weitaus gefährlicher sei als der Judenhass und erheblich mehr Menschenleben gefordert habe als die Shoah – all dies und noch viel mehr wird schlichtweg ignoriert. Die Stellen im „Manifest“, wo Breivik sich auf bekannte Islamkritiker wie Henryk M. Broder bezieht, werden medial begierig aufgegriffen, um den Bezugsgrößen und ihrem Umfeld anschließend eine Komplizenschaft zu unterstellen und eine Mitschuld am Massenmord zu geben; die Passagen jedoch, in denen er sich antisemitisch äußert, unterschlägt man. Andernfalls würde ja auch die gar nicht einmal sonderlich subtil vermittelte Botschaft gefährdet, dass es mal wieder die Juden waren, die der Welt – in Person eines norwegischen Verbündeten und mit der Rückendeckung durch dessen Umfeld – ein mörderisches Unglück beschert haben.

In einer derart aufgeheizten Stimmung haben es besonnene und differenzierende Stimmen schwer. Eine davon gehört Richard Herzinger, der zu Recht feststellte: „Es wäre unsinnig, aus islamfeindlichen Einträgen des Massenmörders von Oslo in Internetforen zu folgern, es führe eine direkte Linie von auch hierzulande verbreiteten obsessiv muslimfeindlichen – oft zugleich auch antisemitischen – Affekten zu terroristischer Aktivität. Die Gefahr aber, dass sich fanatische Randgruppen unter dem Vorwand der Angst vor der (Selbst-)Auslöschung des ‚christlichen Abendlandes’ ihren islamistischen Antipoden – deren paranoiden Wahn sie in Wahrheit teilen – angleichen und ihre Methoden übernehmen könnten, ist nach dem Horror von Oslo nicht mehr von der Hand zu weisen.“ Gleichwohl gelte es, genau zu trennen, wie Herzinger in einem weiteren Beitrag ausführte: „Zunächst wäre zu fragen, was die Ankläger mit dem Begriff ‚Islamkritik’ eigentlich meinen. Diese Kampfvokabel schüttet den diametralen Gegensatz zwischen neonazistischen und rechtsnationalistischen Islamfeinden einerseits und andererseits aufklärerischen Säkularisten zu, die in den totalitären Zügen des politischen Islam eine akute Gefahr für die freiheitlichen Errungenschaften der offenen, pluralistischen Gesellschaft sehen. Während erstere Muslime als solche hassen, weil sie einem ‚fremden’ Glauben angehören beziehungsweise einem ‚fremden Kulturkreis’ entstammen, und von ihrer Deportation aus einem nunmehr wieder ‚artreinen’ Vaterland träumen, verteidigt die zweite Gruppe nicht zuletzt die Muslime selbst gegen autoritäre Strukturen in den islamischen Gemeinden, die den muslimischen Bürgern ihre Chancen auf Teilhabe an den Möglichkeiten der freien Gesellschaft beschneiden.“

Dieser Unterschied ist elementar, doch er wird nur von wenigen nachvollzogen. Nicht von den Rechtsnationalisten, die zwar erschrocken über die Terrortaten von Oslo und Utøya sein mögen, sich von ihnen distanzieren und sie verurteilen, aber an ihren xenophoben Phantasmagorien einer „Überfremdung“ Europas, die von linken „Multikulti“-Ideologen (wozu sie grundsätzlich alle zählen, die nicht dem rechtsnationalistischen Lager angehören) tatkräftig befördert werde, unverrückbar festhalten und sich bisweilen sogar in abstrusen Verschwörungstheorien ergehen – wie etwa jener, nach der es sich bei Breiviks Tat um eine „False Flag“-Operation mit dem Ziel, die Gegner des Islam zu diskreditieren, gehandelt habe. Und auch nicht von zahlreichen Medien und anderen Bescheidwissern, die auf ein Verbrechen wie jenes in Norwegen geradezu gewartet zu haben scheinen, um endlich die gesamte Islamkritik als ideologisches Rüstzeug des Teufels verdammen zu können. Dementsprechend lässt man nun bevorzugt „Experten“ wie Sabine Schiffer zu Wort kommen, eine „Medienpädagogin“, die nicht nur über gute Beziehungen zum deutschsprachigen Programm des staatlichen iranischen Rundfunks verfügt, sondern auch Sympathien für Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. September 2001 hegt und nicht zuletzt „jüdische Organisationen“ der „Verbreitung des antiislamischen Rassismus“ bezichtigt. Der Deutschlandfunk bat sie gestern zum Interview, und auch wenn es ausgesprochen mühsam ist, Schiffers Gestammel so etwas wie eine These zu entnehmen, lässt sich doch festhalten, dass sie nicht nur verschiedene Blogs, sondern allen Ernstes nahezu die gesamte Medienlandschaft der „Islamophobie“ zeiht und ihr somit eine Mitschuld an Breiviks Mordtaten zuweist.

Kaum jemandem fällt auf, dass es zwischen Anders Breivik und den Islamisten essenzielle Gemeinsamkeiten gibt (die Breivik sogar selbst benennt), ja, dass beide sozusagen Brothers in Crime sind. Als einer der wenigen neben Richard Herzinger hat das Bremer Aktionsbündnis gegen Wutbürger diese Parallelen erkannt und benannt: „In Wirklichkeit verhält es sich so, dass der Adorno wegen seiner ‚Studien zum autoritären Charakter’ hassende Breivik als Prototyp eines solchen den Islam zutiefst beneidet, weil der Islam eine gesellschaftliche Hierarchie, strenge Regeln und religiöse Werte im Einklang mit seinem kulturellen Erbe bietet, also all das, was Breivik in der europäischen Gesellschaft so schmerzlich vermisst. Breiviks Islamhass und sein wahnhafter Kampf gegen ihm übermächtig scheinende Gegner, gegen die nur ein Wunder helfe, erscheint als Ausdruck eines Gefühls der eigenen Ziel- und Wertlosigkeit. Letztendlich will er im Kampf gegen den Islam selbst in einer Gemeinschaft aufgehen, die der der Djihadisten ähnelt: zum Letzten entschlossen, skrupellos, gewalttätig und im festen Glauben an die Überlegenheit der eigenen Überzeugungen.“ Im Grunde genommen gleicht Breivik vor allem den Salafisten: Auch diese haben es zuvorderst auf „Abtrünnige“ in den eigenen Reihen, also auf „Feinde“ im Inneren abgesehen. Und so, wie die Salafisten weltlich orientierte Muslime (oder wen sie dafür halten) bedrohen, verfolgen und töten, zündete der norwegische Massenmörder erst im Regierungsviertel eine gewaltige Bombe, bevor er ein Feriencamp sozialdemokratischer norwegischer Jugendlicher heimsuchte, um dort eigenhändig und kaltblütig ein Massaker unter jenen anzurichten, die er in seinem irrationalen und fanatischen Weltbild für den „kulturmarxistischen“ und „multikulturellen“ Nachwuchs hält.

Diese frappierenden Parallelen bemerkte übrigens auch der norwegische Botschafter in Israel, Svein Sevje, nicht; im Gegenteil hielt er es für nötig und richtig, gegenüber einer israelischen Tageszeitung die Ansicht zu äußern, der (islamistisch geprägte) palästinensische Terror sei zwar ebenfalls „moralisch inakzeptabel“, verfolge aber immerhin „ein definiertes Ziel“, das „im Zusammenhang mit der israelischen Besatzung“ zu sehen sei – womit er ihn sowohl rationalisierte als auch faktisch entschuldigte. Dass Sevje zudem die Einbeziehung der Terrortruppe Hamas in Friedensverhandlungen für unverzichtbar hält, ist da nur folgerichtig. Echauffiert hat sich nicht nur hierzulande kaum jemand über diese unsägliche Trennung in einen schlechten und einen irgendwie nachvollziehbaren Terror. Man stelle sich dagegen vor, wie wohl die Reaktionen ausfielen, wenn der israelische Botschafter in Norwegen einer norwegischen Zeitung sagen würde, er verurteile Breiviks Terror zwar, doch habe dieser immerhin ein definiertes Ziel verfolgt, das im Zusammenhang etwa mit der norwegischen Einwanderungspolitik zu sehen sei. Das hat der israelische Botschafter selbstverständlich (!) nicht geäußert; im Gegenteil hat das offizielle Israel die Morde scharf verurteilt und den Opfern große Empathie entgegengebracht. „Wir in Israel können uns voll und ganz in diese Katastrophe hineinversetzen und sind zutiefst schockiert von diesem Verbrechen“, sagte beispielsweise Premierminister Benjamin Netanyahu. „Wir kennen den unerträglichen Schmerz der Familien und der Nation. Deshalb möchte ich den Menschen, der Regierung und dem Staat das aufrichtige Beileid der Menschen, der Regierung und des Staates Israel aussprechen.“ Man darf gespannt sein, wie die Reaktionen aus norwegischen Regierungskreisen ausfallen werden, wenn es im jüdischen Staat mal wieder zu einem Angriff von Terroristen kommt.

Freitag, Juli 22, 2011

Augsburger Fußball-Idol Helmut Haller: Alles Gute zum 72. Geburtstag, “Hemad“!

Die scherzhafte Umschreibung „Hemad“ (Hemdchen; schmalbrüstig oder „Büable“ auf schwäbisch-bayerisch) wurde dem Augsburger Fußball-Genie Helmut Haller verpasst, weil er meist der Schmächtigste in der ehemaligen Mannschaft des BC Augsburg (BCA) im Arbeiterviertel Augsburg Oberhausen war - des Klubs, der in den 1970er-Jahren den Vereinsnamen wechselte. Damals spaltete sich der Verein in FC Augsburg und TSV Schwaben Augsburg auf (bei beiden Vereinen spielte der Autor Castollux in der Jugend).

Im Bild rechts: Helmut Haller (weißes Trikot) im Luftkampf gegen einen argentinischen Abwehrspieler in der Partie Argentinien-Deutschland (0:0) bei der WM in England 1966. Schöne Aufnahme!

Es ist still geworden um den stets zurückhaltend und bodenständig agierenden Helden, der 1966 im Londoner Wembley-Stadion im
WM-Endspiel England-Deutschland das 1:0 für Deutschland geschossen hatte. (Hier alle Spiele der deutschen Mannschaft der WM 1966 im Zeitraffer).

Ein schwerer Herzinfarkt am zweiten Weihnachtsfeiertag 2006 und eine komplizierte Operation an der Hauptschlagader im August 2009 setzten dem Ausnahmefußballer Grenzen, die nur das profane Leben schreibt.


Der „Hemad“ ist für treue Augsburger Fußballfans so etwas wie ein Nationalheiligtum, an das selbst andere in Augsburg geborene Weltstars wie Bernd Schuster niemals ranschmecken konnten - eher noch der ehemalige Rekordnationalspieler und Rekordtorschütze Ernst Lehner oder Uli Biesinger (Weltmeister 1954; Ersatzspieler), weil in ihren Zeiten medial nicht so präsent.

Helmut Haller war, als er 1962 in einer sensationellen Transferaktion zum zum FC Bologna wechselte (Damals unglaubliche 300.000 D-Mark Handgeld), neben Albert Brülls und Karl-Heinz Schnellinger einer der wenigen ersten Deutschen, die in der italienischen Liga spielten.

Brülls war als vielseitig einsetzbarer Offensivspieler beim
FC Modena, danach bei Brescia Calcio und beim schweizerischen Young Boy Bern am Ball, Schnellinger ein knochenharter Weltklassevorstopper (so nannte man das damals) beim AC Mailand und seinerzeit sicher einer der weltbesten Verteidiger.

Beide hatten
jedoch, von Schnellingers Ausgleichstor im legendären Halbfinalspiel gegen Italien bei der WM 1970 im Aztekenstadion abgesehen (legendäres Video), niemals die Ausstrahlung und überragende Spielintelligenz, die Haller eine Nominierung in die beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten beschert hatte (Unter anderem in einer Umfrage der Süddeutsche Zeitung 1999), dazu die Auszeichnung zum besten ausländischen Spieler in der italienischen Liga im Jahr 1964.

Herbert Schmoll, Ex-FCA-Spieler und Sportredakteur bei der Augsburger Allgemeine, bemerkte gestern:
[...] (S) ein Lächeln, für das ihm in Italien die Herzen der Tifosi zugeflogen waren. Für die dortigen Gazetten war er „20 Jahre nach der Besetzung Mittel- und Oberitaliens durch die Nazitruppen der erste große Deutsche“ auf dem Apennin. Durch seine Art Fußball zu spielen genoss „Il Biondo“ jenseits des Brenners eine Bewunderung, wie er sie in der Heimat eigentlich nie erfuhr. „In Bologna haben sie ihm die Füße geküsst“, erzählt sein Freund Sepp Fuchs.
Man könnte es auch so formulieren: Nicht ein besenhart an seiner Partitur klebender Wilhelm Furtwängler des bis dato als höchst unsympathisch bekannten Deutschland spielte auf, sondern der leicht beschwingte und freisinnige Vivaldi aus bayerisch-rebellischen Gefilden.

Herbert Schmolls Zitation der italienischen Hommage ist prinzipiell stimmig, wenn auch seine Formulierung „Nazitruppen“ nicht ganz passt: schließlich waren es keine undefinierbaren Truppen vom galaktischen Stern „Nazien“, sondern die deutsche(!) Wehrmacht im Verbund mit SS-Einheiten. Man sollte die Verbrecher schon beim Namen nennen. Sei’s drum: Der SPIEGEL, die Frankfurter Rundschau, der Tagespiegel und die Süddeutsche hätten es auch nicht anders formuliert....

Helmut Haller führte nicht nur den FC Bologna 1962 zum italienischen Meistertitel, sondern auch Juventus Turin (1972 und 1973). Spätestens ab diesem Moment wurde er in Italien so vergöttert, wie Michel Platini und Zinédine Zidane Jahrzehnte danach. In der Ahnengalerie der Größten der „alten Dame“ Juve wird das "Hemad" für immer einen Ehrenplatz behalten.

Seine Rückkehr in meine Heimatstadt Augsburg Ende 1973 führte dort zu einer wahren Fußballbegeisterung, wenn nicht sogar Hysterie (ich war Augenzeuge und selbst infiziert). Eigentlich sonst so zurückhaltend-bayerische Schwaben wie ich (bitte nicht mit den Baden-Württemberg-Schwaben verwechseln; dort leben die Stuttgart21-Hysteriker und Juchtenkäfer-Idioten) sahen in ihm so etwas wie einen heimgekommenen Sohn - fast einen Fußball-Messias.

Prompt wurde in der folgenden Regionalliga-Saison - die Regionalliga war damals die zweithöchste Klasse im DFB - die Meisterschaft errungen und der Aufstieg in die erste Bundesliga angepeilt, was ganz knapp misslang.

Ein schier unglaubliches Ereignis passierte dann im August 1973, das alle bisherigen Fußballstatistiken gesprengt hat und wohl nie mehr in dieser Dimension stattfinden wird: Der FC Augsburg (Kurzform „FCA“) gastierte im Münchner Olympiastadion gegen den TSV 1860 München (Endergebnis 1:1). Man hatte optimistisch mit 60.000 Zuschauern gerechnet (sowieso unglaublich für ein Regionalligaspiel). Dann aber wurde das Stadion mit 80.000 brechend voll, und vor dem Stadion waren noch etwa 25.000 Fans im Anmarsch. Das Video unten vermittelt noch einmal ein Feeling dafür, wie es damals ablief. Ich war übrigens nicht dabei. Grund: ich musste zum gleichen Zeitpunkt selbst ein Punktspiel bestreiten. Stinksauer war ich damals....

Zum Ansehen des Videos hier oder auf die Abbildung klicken.



Helmut Haller, der Ball-Wegzauberer

Wie schlitzohrig das „Hemad“ übrigens auch war, zeigt eine Episode, die sich nach dem WM-Endspiel England-Deutschland 1966 (4:2) zugetragen hatte. Wikipedia berichtet darüber in dürren Zeilen:
Als das WM-Finale von 1966 im Londoner Wembley-Stadion abgepfiffen wurde und Deutschland 4:2 verloren hatte, lag der Final-Ball direkt vor den Füßen Hallers. Dieser nutzte die Gelegenheit und schnappte sich das wertvolle Erinnerungsstück. Helmut Haller schüttelte mit unter den Arm geklemmtem Ball sogar noch Queen Elizabeth die Hand. Während einer Feierstunde am Rande der Europameisterschaft im Jahre 1996 gab Haller dann seine "Beute" dem Englischen Fußballverband zurück.
So war er, unser „Hemad“: Ein Held auf und außerhalb des Platzes: Ein genialer Spielgestalter mit einem überaus sympathischen Unterhaltungswert. Wo gibt es heute noch so etwas?

Zinédine Zidane fiel im WM-Enspiel 2006 dadurch auf, dass er seinen Gegenspieler Mazzerati durch einen Kopfstoß bewusst schwer verletzten wollte. Vorausgegangen war eine Beleidigung Mazzeratis, wie später im STERN berichtet wurde.

Klassespieler? Ja!
Vorbild? Niemals!


Dir, lieber Helmut, alles Gute für deine weiteren Lebensjahre!

Und Freunde hast du genug in Augsburg. Da mach' dir mal keine Sorgen. Wenn jemand ein Vorbild im Augsburger Fußballsport war, dann DU!

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Post Scriptum:

Herzlichen Dank an Herbert Schmoll von der Augsburger Allgemeine, der mich durch seine Artikel zu Helmut Haller dazu inspiriert hat, ein wenig auf meinem Blog dazu beizutragen, dass der Ruhm eines der besten und sympathischsten deutschen Fußballspielers aller Zeiten nicht in Vergessenheit gerät.