Ein vor zwei Wochen veröffentlichter antiisraelischer Artikel Pfarrer Vollmers im Deutschen Pfarrerblatt und mehrere Entgegnungen dazu in verschiedenen Blogs (siehe Links am Ende meines Beitrags [1]) haben mich zu dieser allgemein gehaltenen Überlegung veranlasst. Und um es gleich zu sagen: Ich behandle in meinem Beitrag nicht Verfehlungen der katholischen Kirche. Man sollte zuerst vor der eigenen Tür kehren.Drei unterschiedliche Zitate:
[...] Das Bündnis der Kirche mit den konservativen [2] Mächten hat furchtbare Folgen gezeitigt. Wir haben die christliche Freiheit preisgegeben, Lebensformen zu ändern, wenn das Leben der Menschen solche Wandlungen erfordert. Wir haben das Recht zur Revolution abgelehnt, aber die Entwicklung zur schrankenlosen Diktatur gutgeheißen. (Darmstädter Wort 1947)[...] Hinter dem Ruf nach Frieden verbergen sich die Mörder [3] (Paul Spiegel, 2006 verstorbener Präsident des Zentralrates der Juden)
[...] Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Jesus Christus, Matthäus 25:40)
Vor wenigen Monaten lernte ich ausgerechnet während einer meiner häufigen Radtouren einen privilegierten Theologen-Kollegen aus einem anderen Dekanat kennen, der mich auf meine Frage, warum Christen und Muslime im Heiligen Land seit Jahrzehnten oft gemeinsame Sache gegen Juden machen (damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet), ohne große Umschweife mit der Antwort überraschte, dass wir Christen (er ist wie ich Lutheraner) zuerst zu allen unseren Glaubensgeschwistern halten müssten - das sei oberste Priorität. Ich war sehr überrascht, und dann nach kurzem Nachdenken doch wieder auch nicht. Es blieb beim Adressenaustausch und einem E-Mail-Kontakt.
Ich könnte auch aus vielen anderen Gesprächen mit Kollegen berichten, die ähnlich verliefen: freundliches Zuhören beim Gegenüber, aber danach beharrliches Schweigen. Man hält sich bedeckt, wenn es um Juden oder den Staat Israel geht: Ja nicht anecken. Gleichzeitig sperrt man Israelfreunde wie mich konsequent aus.
Auch den meisten Nichtchristen dürfte eine Passage aus dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche vom Oktober 1945 nicht unbekannt sein:
„Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Es hat viel mit der Geschichte Israels nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun - nicht von der Perspektive der Zionisten aus gesehen, sondern der Interpretation von außen, und damit, wie der junge Staat sich anschickte, selbstbewusst von einer zugedachten Rolle des Opferlamms, das sich widerstandslos zur Schlachtbank führen ließ, Abschied zu nehmen - vom Aufstand im Warschauer Ghetto abgesehen.
"Wir sprechen es aus, dass wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist."
[….] Wir bekennen uns zu der einen Kirche aus Judenchristen und Heidenchristen. Wir sehen in unseren christlichen Geschwistern jüdischer Herkunft Zeugen unserer unlösbaren Verbundenheit mit dem bleibend erwählten Gottesvolk Israel.
Seit 1967: Im Schlepptau antiisraelischer Propaganda
Er [Anm. Castollux: Hans Joachim Iwand war Co-Autor neben Karl Barth;] beschrieb sie [die Kirche] als „christliche Front gegen die notwendigen gesellschaftlichen Neuordnungen“ und als „Bündnis mit den konservativen Mächten“. Hier ergänzte [Karl] Barth „Monarchie, Adel, Armee, Großgrundbesitz, Großindustrie“. Das markierte das „christliche Abendland“ als eine in Wahrheit feudalistische und kapitalistische Klassengesellschaft.
Ein Betriebsunfall?
Barth und Iwand sprechen also ganz offen davon, dass eine konservativ strukturierte Kirche als Hemmschuh auf dem Weg zum Sozialismus zu betrachten sei.
Ich denke, dass man nach 6 Jahrzehnten Bundesrepublik einen relativ guten Überblick über die Historie hat, und man kann problemlos feststellen, dass zumindest die Sozialdemokratisierung der bürgerlichen Mitte gemeinsam mit der EKD vollzogen wurde. Denn: wer wollte angesichts solcher Vorgaben zurückbleiben?
Also marschieren EKD sowie Linke, Grüne und „aufgeklärte“ Bürgerliche seit Jahrzehnten Seit’ an Seit’, da sie von der Gewissheit beseelt sind, auf der richtigen Seite zu stehen, denn eines ist klar: Antisemitismus ist ausschließlich ein rechtes Phänomen. Nicht umsonst wird von diesen manchmal unerträglich Rechtschaffenen in Aufrufen gegen Rechtsaußen immer auch ein „gegen Antisemitismus“ hinzugefügt, denn schließlich - so die Eigenwahrnehmung - betrachtet man sich ja lediglich als israelkritisch und höchstens antizionistisch, da Freund Israels und "besorgt" um dessen Wohlergehen. Formulierungen wie Man muss Israel vor sich selbst schützen, Gerade wir als Deutsche wissen...etc. oder Israel sieht seiner Vernichtung entgegen, wenn es so weitermacht, entspringen diesem höchst merkwürdigen Fürsorge-Syndrom deutscher Besserwisser.
Ein linker Antisemitismus ist unmöglich. Linke Kritik kann nicht rassistisch, biologistisch, nationalistisch argumentieren. [5]
Ob uns Kreuze vorne schmücken oder Kreuze hinten drücken
Merkwürdig: Immer dann, wenn man glaubt, die EKD würde aus ihren Entgleisungen lernen, holt sie bzw. Mitglieder ihrer Landeskirchen - meist in (peinlicher) Zusammenarbeit mit der offen antisemitischen katholischen Organisation Pax Christi - zum nächsten Schlag aus. Die Veranstaltung “Partner für den Frieden – Mit Hamas und Fatah reden” der Evangelischen Akademie Bad Boll im Juni 2010 fällt unter diese Rubrik. Auf vielfachen Protest hatte sich schließlich die Leitung zu einer lauwarmen Erklärung durchgerungen. Wie begierig das antisemitische Stelldichein letztendlich angenommen worden war, zeigt dieser widerlich riechende Beitrag auf der Homepage der AG Friedensforschung.
Fazit:
Die EKD als soziales und grünes Gewissen Deutschlands: das heißt oft, von wenigen Ausnahmen abgesehen:
Wie schon der eingangs von mir erwähnte Kollege sagte: „Wir müssen zuerst unsere Mitchristen unterstützen“.
Ach Gott. Vielen Dank auch. Auf diese Form der Unterstützung kann man getrost pfeifen.
[2 ] Die Festlegung auf Konservative Mächte als Gegner dürfte die Programmatik der EKD für die nächsten Jahrzehnte bis heute vorgezeichnet haben: „Konservativ = rechtsradikal bis rechtsextrem, „Links“ ist fortschrittlich. Man sehe sich nur die Programmgestaltung auf den Kirchengtagen seit Ende der 1970er-Jahre an.
[3 ] Natürlich meinte Paul Spiegel damit nicht per se Pazifisten, sondern diejenigen, die, wie die Hamas, Hisbollah etc. und andere Araber, Frieden (Waffenstillstand [arab.: Hudna]) anbieten, diesen aber dazu nutzen, um weiterhin und verstärkt nach der Vernichtung Israels zu trachten. Aber, und das meinte Paul Spiegel auch: Die (Radikal-) Pazifisten spielen den Mördern in die Karten, weil naiv oder antizionistisch/antiisraelisch motiviert. Deshalb diese pointierte Formulierung.
Weitere Reaktionen auf Pastor Vollmer:
Timo Stein, CICERO:Evangelischer Schulterschluss mit der Hamas
http://www.cicero.de/blog/timo-stein/2011-09-02/Jochen%20Vollmer-evangelischer-schulterschluss-mit-der-hamas
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11173
Prof. Dr. Karl E. Grözinger: Die christlich-theologische Anmaßung, das Judentum definieren zu wollen:
http://spme.net/cgi-bin/articles.cgi?ID=8348
Noch einmal HEPLEV: Der Vorsitzende des Pfarrerverbands hat den Schuss immer noch nicht gehört
http://heplev.wordpress.com/2011/09/09/der-vorsitzende-des-pfarrerverbands-hat-den-schuss-immer-noch-nicht-gehort/#wpl-likebox












