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Sonntag, Oktober 23, 2011

9/11-DNA-Analyse: Old Brown Shoes?

In meinem Beitrag 9/11: die DNA bleiben vom 4. Oktober 2011 hatte ich angekündigt, dass ich zum Thema noch etwas nachliefern will.

Viele Leser wissen möglicherweise nicht, dass in den USA noch heute an mehreren tausend Leichenteilen und materiellen Resten aus den Trümmern der Zwillingstürme und dem benachbarten WTC-7 Gebäude geforscht wird. 9/11 ist forensisch-technisch noch nicht abgeschlossen.

Die bisherigen Untersuchungsmethoden werden konsequent verfeinert, um weitere DNA-Spuren aufzuschlüsseln.


Vorweg: Das sagt einiges über die emphatische Kultur der USA aus - eines Landes, das bei uns in Deutschland als „Bananenrepublik“ oder „Staat der Negermusik“ verunglimpft wird, obwohl von dort seit etwa einem Jahrhundert mit die beste Literatur und Malerei kommt.

Im Jahr 2006 wurde eine Grundlagenforschung des US-Justizministeriums veröffentlicht, die erste Aufschlüsse über die Gewinnung von DNA-Spuren seit 9/11-2001 liefert. Sie hat aber keine abschließende Relevanz. Und die Untersuchungen wurden auch nicht eingestellt, obwohl vorher verschiedene Meldungen wie im Jahr 2005 andere Informationen zu bringen schienen:
The forensic investigation ended in early 2005, when the medical examiner's office stated it had exhaused efforts to identify the missing. The victim identification statistics reported in a February 23, 2005 AP article, listed in the following table, remained about the same as those reported in articles published a year after the attack.
Um aber eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, wie akribisch sich die Suche nach den Spuren der Ermordeten vom 11. September 2001 wirklich gestaltet und welche Ergebnisse immer wieder ans Licht der Öffentlichkeit befördert werden, hier ein Beispiel:

Forensiker des im Stadtteil Manhattan eingerichteten Instituts zur Erforschung der 9/11-Folgen (siehe PDF-Link oben) hatten erst Ende August dieses Jahres die Leichenteile von Ernest James, eines Mitarbeiters des Finanzberaterunternehmens Marsh and McClennan identifiziert.

Er war zum Zeitpunkt des Terroranschlags 40 Jahre alt.


Das ist aber nicht alles: Fast die Hälfte der Leichenreste von meistens pulversierten Terroropfern (40 Prozent) konnten bis heute nicht eindeutig identifiziert werden. Nach offiziellen Angaben starben im World Trade Center 2753 Menschen; so konnten also nur 1629 Tote einem bestimmten Genom zugeordnet werden.

Die deutschstämmige Gerichtsmedizinerin Mechthild Prinz („sichten, sieben, sequenzieren“), in New York zum Thema tätig, hält eine relativ trockene Erklärung für das Problem der Zuordnung von Leichenteilen zu spezifischen Personen parat:
Es besteht keine juristische Notwendigkeit mehr, weil die Opfer ihren Totenschein hätten.
Kann man es sich so einfach machen? Ich denke, Nein!

Es geht hier beileibe nicht um Juristerei, auch nicht um einen imaginären Totenschein oder forensische Spitzfindigkeiten: Es geht um ein Gedenken, das sich an Realitäten des physischen Körpers von Angehörigen festmacht.

Frau Prinz gibt sich zwar im oben unterlegten Hyperlink alle Mühe, Aufklärung zu betreiben, aber so ganz überzeugend und hartnäckig kommt das nicht rüber, wenn sie sagt:

Was wir auch tun: Niemals werden alle Opfer identifiziert werden.
Das mag in einigen Fällen zutreffen, ist aber noch nicht abgeschlossen.

Wie aber die WELT am 7. September schrieb, gibt es viele Ungereimtheiten bzw. schwer zuordenbare Leichenteile:
Anfangs wurden traditionelle Methoden wie der Zahnstatus, Fotografien oder Fingerabdrücke angewendet, um Leichen und Überreste aus den Trümmern zu identifizieren. Doch als die einfacheren Fälle erledigt waren, begann die forensische Detektivarbeit – und selbst die reicht oft nicht aus.
Wie wahr.

Hören wir aber Taylor Dickerson, der als Kriminologe im angeschlossenen Labor arbeitet:
„Ich erinnere mich an einen Fall vor ein paar Jahren; es war ein kleines Knochenteil auf dem Dach des Deutsche-Bank-Gebäudes“, sagt arbeitet. „Es hatte die Größe einer Münze, und wir konnten es jemanden zuordnen, der zu dieser Zeit in den Türmen gearbeitet hatte.“
Sensible Kleinarbeit. Den Opfern und ihren Angehöreigen gewidmet. Wo bleibt Frau Prinz?

Die WELT schreibt außerdem:
Unter strengen Sicherheits- und Hygienevorschriften arbeiten bis heute fünf Wissenschaftler an der Identifizierung von 6314 Knochensplittern, die im Gebiet der Zwillingstürme gefunden wurden. In einem großen Raum reinigt ein Roboter die Überreste, bevor mit DNA-Analysen nach Übereinstimmungen gesucht wird.
Wie schwierig sich die Forschungsarbeiten gestalten, wenn Zufälle eine Rolle spielen, zeigt dieses Beispiel:

Als im Herbst 2005 Abrissarbeiten auf dem Dach des Deutsche Bank-Gebäudes gleich neben Ground Zero durchgeführt wurden, fand man menschliche Knochen. Bradley Adams vom OCME-Projekt Potential Human Remains und sein Kollege Christian Crowder erhielten den Auftrag, sich mit den Funden näher zu beschäftigen. Als im Jahr 2006 ein Bauarbeiter in einem Kanalschacht weitere Knochenfunde aufspürte, schaltete sich das Office of Chief Medical Examiner ein, also die höchste medizinische Untersuchungsbehörde in New York City.

Die neue Baustelle wird immer ein Forschungsort zum Terroranschlag von 2001 bleiben, wenn man in Betracht zieht, dass allein von April bis Juni dieses Jahres rund 600 Kubikmeter Bauschutt durchsiebt und dabei 72 verwertbare Leichenteile gefunden wurden [nach 10 Jahren (!)].

Allein diese Funde reichen aus, dass sich eine Einstellung der DNA-Proben heute und in den nächsten Jahren verbietet - den Angehörigen der Opfer zuliebe.

Das ist die freie Welt ihnen schuldig.

Dienstag, Oktober 04, 2011

9/11: Die DNA bleiben!

In den USA gibt es eine Behörde, die seit Jahren mit immer neuen und verbesserten wissenschaftlichen Methoden versucht, sämtliche DNA-Spuren der Opfer von 9/11 zu untersuchen, um allen Angehörigen der Opfer die Gewissheit zu geben, wie ihre Lieben ermordet worden sind und wie man ihrer dementsprechend würdig gedenken und trauern kann.

Mehr will ich dazu momentan nicht sagen, weil ich noch recherchieren muss.

Die Arbeit dieser Behörde erfordert viel wissenschaftliche Akribie, Leidenschaft und Ausdauer für das Projekt. Wie Forensische Analyse generell abläuft, kann man hier nachlesen.

In Europa kann man derart Beispielhaftes (und menschlich unglaublich Großartiges, weil unintererssant für europäische Kolumnisten) nicht finden, ganz abgesehen davon, dass im islamischen Kulturkreis Forensik sowieso kein Thema ist: Verscharren, weg und vergessen.

Ja, und wir Westler:

So sind wir halt, in den Augen der radikalen Pazifisten und ihrer muslimisch-"zurückhaltenden" anthropologischen Entsprechungen:

Menschenverachtende Yankees und Verfechter der Freiheit sind wir, weil wir uns sogar um mikroskopisch kleine Leichenbestandteile kümmern, für die sich seit 10 Jahren kein Schwein dieser Erde mehr interessiert. Und das nur, weil unsere Liebe hinter diesem Bemühen steht; und die Sehnsucht danach, dass wir einen Ort des Trauerns brauchen.

In Kürze folgt ein Beitrag dazu.

Angestoßen zu meinem Vorhaben hat mich - indirekt - der großartige Beitrag von Lizas Welt gestern.

Mittwoch, August 24, 2011

"Der arme Junge!"

Mohammed Attas Ex-Professor Dittmar Machule und sein ganz persönliches 9/11-Desaster. So können deutsche Befindlichkeiten aussehen. Ach ja, 2005 hat er Ground Zero besucht, der Herr Emeritus.

SPIEGEL-Fotoalbum:
Am 13. September flimmerte dieses Foto von Atta über die Bildschirme in aller Welt. Machules erster Gedanke, als er das Bild seines Studenten sah: Was machen die jetzt mit dem armen Jungen? Wie die den verhören werden… Dass von Atta nichts mehr zum Verhören übrig war, daran dachte er nicht.
Lesen Sie sich mal die Bildunterschriften der gesamten Fotostrecke durch. Aufschlussreich auch, wie schnell sich Dittmar Machule bereit erklärte hatte, der Gruppe um Atta ein islamistisch ausgerichtetes Domizil zu verschaffen - und das nur einen Steinwurf vom Fakultätstrakt entfernt.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-71549-4.html

Dienstag, März 22, 2011

Theo Sommers Ground Zero und seine Hirnschmelze

Ich will meinem Kommentar eine persönliche Erinnerung vorausschicken:

Als ich am 11. September 2001 gegen 15.00 Uhr aus unserer Münchner Redaktion kommend am dortigen Hauptbahnhof eintraf (in New York war es etwa 9.20 h), war die Vorhalle gefüllt mit Menschen - wie ich es vorher
noch nie erlebt hatte. Sie starrten alle auf eine große Videotafel, auf der das ZDF Live-Kommentare aus New York sendete.

Die BILD-Zeitung hätte von einer Menschentraube gesprochen - wie von Bienen, die an einem Wabenstock herumschwirren, Informationen saugen und wieder wegschwirren.


Als ich mich dazugesellte, wurde mir schnell bewusst, dass etwas ganz Schreckliches passiert war: Der zweite Twintower (Süd) wurde angesteuert und vernichtet. Die Menschen um mich reagierten entweder versteinert oder sensationsgeil aufgeladen: „Ahhh…Ohhh“.


Da ich schnell meinen Anschlusszug nehmen wollte, um mich zuhause weiter zu informieren, verließ ich den Hauptbahnhof und bestieg den Zug nach Augsburg.
Dort sprach ich aufgeregt und weinend etliche Mitreisende an: „Haben Sie mitbekommen, was da passiert ist“?

Null Reaktion. Die meisten hatten einen Walkman auf…so, als wäre der DAX um 0,1 Punkte gesunken oder gestiegen…also nichts.


Ich sag’s ganz ehrlich: Für mich war das der erste Moment in meinem Leben, in dem ich für etliche meiner deutschen Mitbürger nur noch abgrundtiefe Verachtung verspürt hatte. Das hat sich bis heute kaum verändert, weil sich auch diese Leute nicht verändert haben.


10 Jahre später:


Anne Will, Deutschlands hübscheste und heimtückischste sozialistische Scharfrichterin, lädt zum Fukushima-Atom-Bankett bei der ARD ein und sorgt selbstverständlich für "ausgewogenstes" Tête-à-Tête.


Arnulf Baring hatte schon Recht, wenn er sich beschwerte, was die unfaire Zusammensetzung der Gesprächsrunde betraf, auch wenn ich ihm seinen unterirdischen Auftritt von damals zur Holocaust-Debatte niemals verzeihen kann.


Doch sehen Sie sich die Sendung vom letzten Sonntag noch einmal an.


Zwei Drittel der Sendung waren abgelaufen, und dann kündigte Frau Will diesen Trailer an.


Schäbiger und heimtückischer geht’s kaum noch:


In diesem Video wird von „Ground Zero“ gesprochen“ - unterschwellig mit UUUH-Begleitmusik, als wären in Japan Terroristen am Werk gewesen. In Japan ist kein einziger Mensch an den unmittelbaren Folgen eines Anschlages gestorben.


Ausnahmsweise zitiere ich Wikipedia:
Ground Zero bezeichnet im englischsprachigen Raum ursprünglich einen Punkt auf der Erdoberfläche, auf oder über dem eine Bombenexplosion stattgefunden hat oder stattfinden soll.

Der Ground Zero ist somit der Punkt mit den (wahrscheinlich) höchsten Schäden durch die Bombenexplosion. Das „Zero“ (Null) steht für den Abstand zum Detonationsschwerpunkt.

Die deutsche Bezeichnung „Bodennullpunkt“ wird auch außerhalb der militärischen Fachsprache verwendet.
Der Begriff stammt aus Fach- und Militärkreisen und wurde seit dem Manhattan Project fast ausschließlich im Zusammenhang mit nuklearen Explosionen verwendet, jedoch auch für die beiden nicht-nuklearen Explosionen Minor Scale und Misty Picture, die Kernexplosionen simulierten.

Die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA in New York haben den Begriff erweitert: Seitdem wird er als Synonym für das Areal des zerstörten World Trade Centers weltweit verwendet. Deshalb steht heute der Ausdruck Ground Zero nicht mehr nur für die japanischen Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, sondern auch für die Opfer von New York (9-11), einer Explosion gänzlich anderer Art.
Abgesehen davon, dass bei Fukushima kein einziger Mensch durch unmittelbare Erdbebenfolgen ums Leben gekommen ist, was das Atomkraftwerk betraf (zwei Kraftwerkarbeiter wurden durch den Tsunami ([20,5 Meter hoch vor Ort; es gab unterschiedliche Höhenangaben] weggeschwemmt), stellt sich die Frage, wie sich deutscher scheinheiliger Irrationalismus mit japanischem Pragmatismus verträgt.


Als das widerliche NDR-Video abgelaufen war, fand man den ehemaligen ZEIT-Herausgeber Theo Sommer (rechts im Bild) live in Tränen aufgelöst vor und das Publikum applaudierte (Geht's noch perverser?). Und mir wurde gleichzeitig speiübel ob solcher Dummheit, Ignoranz und Selbstverliebtheit.

Hat Theo Sommer, ehemaliger Schüler der Adolf-Hitler-Schule, wegen 9/11 geweint?


Nein, er hat geweint, weil er (bei Fukushima) etwas betrauert, das überhaupt nicht stattgefunden hat. Und er sieht keine japanischen Opfer vor Ort. Kein Wort hat er darüber verloren! Er beweint eine eventuelle Gefährung Deutschlands in 8000 Kilometer Entfernung!


Ich denke, dass sich der ehemalige Adolf-Hitler-Schüler Theo Sommer sehr, sehr schämen sollte. Wenn Menschen wie er Krokodilstränen vergießen wird mir schlecht!


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Zur Atomdebatte generell hier ein ganz vorzüglicher Link, der zum Abkühlen dar Emotionen beiträgt:
Die Redaktionsschmelze im deutschen Presse-Fall-Out (Die Leserbriefe sind qualitativ auf höchstem Niveau!).

Nachträglich noch herzlichen Dank an Zettels Raum.

Freitag, September 11, 2009

9/11: Erinnerung, Verharmlosung, Rechtfertigung und Verhöhnung

Vielen meiner Freunde und Leser geht es wohl ähnlich wie mir - sie können sich noch ziemlich genau daran erinnern, was sie am 11. September 2001 in den Stunden der Anschläge erlebten, wo sie sich befanden und womit sie in dieser Zeitspanne beschäftigt waren.

An jenem Tag stieg ich nachmittags kurz nach 15 Uhr, von der Redaktion kommend, aus der U-Bahn, um in den Münchner Hauptbahnhof zu gelangen. Oben angekommen sah ich im Eingangsbereich eine große Menschentraube, die gebannt auf die Videotafel sah. Auch ich blieb stehen, und ich sah einen Sprecher des ZDF, dazu den getroffenen und rauchenden Nordturm des WTC und pausenlos Zwischenschaltungen zu Korrespondenten in den USA und weltweit. Relativ bald erfasste ich, was passiert war: Es konnte nur ein Anschlag gewesen sein. Als das zweite Flugzeug knapp 17 Minuten später in den Südturm raste, konnte ich meine Wut und Trauer nicht mehr zurückhalten und ich weinte. Ich sah um mich - kaum eine Regung, aber alle Münder offen.

Da ich meinen Anschlusszug nicht verpassen durfte und sowieso nur eine halbe Stunde von München bis zu meinem Wohnort brauchte, entschloss ich mich, mit den anderen Pendlern den Zug zu besteigen, um mich daheim weiter zu informieren. Noch im Zug fiel mir auf, wie teilnahmslos und beinahe gelassen die meisten Mitreisenden wirkten. Ich sprach (vollkommen aufgelöst) meine Sitznachbarn an - keine Reaktion, Mobiltelefon am Ohr und Walkman eingeschaltet. Das begreife ich heute noch nicht.

Ein Jahr danach:

Der SPIEGEL-Journalist und Autor Henryk M. Broder veröffentlichte sein Buch „Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror“ (Die Abbildung links oben zeigt das Cover des Buchdeckels).

Er beschäftigte sich darin mit den Reaktionen vieler Deutscher auf die Terroranschläge - Prominenter und Leserbriefschreiber -, ihrer fassungslos machenden Gleichgültigkeit und gnadenlosen Empathielosigkeit, ihrer Täter-Opfer-Umkehrung und den sie umtreibenden Motiven - naiver Friedenssehnsucht, gepaart mit Verständnis für den Terror der „Underdogs“, veritablem Hass auf amerikanische Lebensweise und selbstverständlich
schlecht kaschiertem Antisemitismus im Schlepptau.

Henryk M. Broder hatte genau hingesehen und hingehört und dankenswerterweise zu Papier gebracht, was vielen unserer Freunde und mir auch aufgefallen war: Das anfängliche Mitgefühl schlug bald (bei einigen wie Drewermann und Sloterdijk schon nach Stunden) in kaum verhüllte Schadenfreude und Hass gegen die USA und Israel um -
Manifestationen bornierten Schwachsinns und selbstgerechter deutscher Nabelschau, oder wie Broder auf Seite 184 titelte:

So was kommt von was. Deutsche Trauer und deutsche Leiden


Ich bringe hier der Einfachheit halber einige Zitate im Original mit geringfügigen Kürzungen, die Broder ab Seite 184 in seinem Buch zusammengestellt hat; dazwischen wenige Einschübe aus anderen Kapiteln. Sie sprechen für sich und müssen nicht kommentiert werden. Die meiner Ansicht nach perversesten Interpretationen Karlheinz Stockhausens, Eugen Drewermanns und Wolfgang Benz' vorneweg (adjektivische und andere Zusätze neben den Namen [außer den Quellenangaben natürlich] stammen von mir):

Karlheinz Stockhausen
(Zwölfton-Komponist und Ästhet), zitiert nach dpa

Was da geschehen ist, ist - jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen können, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute 10 Jahre üben wie verrückt, total fantastisch, für ein Konzert und dann sterben….Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden 5.000 Leute in die Auferstehung gejagt […]. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten…Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das „Konzert“ gekommen.

Eugen Drewermann (kath. Theologe und prominentes Weltgewissen neben Hans Küng) live im Rundfunk (SFB) noch am 11. 9.2001, (im Buch auf Seite 25):
[…] Terror ist die Waffe der Ohnmächtigen […]. Wann lernen wir, die Sprache des Hasses als ein Betteln und Bitten darum zu verstehen, dass man sich auseinandersetzen müsste über die Gründe einer solchen inneren menschlichen Entfernung. Es gibt keinen Hass, schon unter Individuen, der etwas anderes wäre als eine enttäuschte Liebe. Menschen möchten dazugehören, das ist der Sinn dieser ganzen irrsinnigen Aktionen […].

Islam- und "Antisemitismus-Spezialist“ Wolfgang Benz damals über die Twin Tower als „Machtsymbole“ (Im Buch auf Seite 39):
[…] aber es sind Symbole von Stolz und Reichtum und Arroganz. Solche Gebäude aufzurichten, das ist die äußerste Arroganz, und die Verletzlichkeit ist damit mit eingebaut. Und die Attacke gegen diese Gebäude, mit dieser Attacke kann man eigene Ohnmachtsgefühle und eigene Demütigungen auslöschen und in die Ohnmacht und die Demütigung des Gegners verwandeln….Und das evoziert die drastischen und die dramatischen Reaktionen, und das macht es so gefährlich und so verheerend, gerade diese Symbole anzugreifen und zu zerstören.

Peter Sloterdijk, Welterklärungskassandra und Ästhetik-Zumutung einer fehlgeleiteten Woodstock-Generation aus Karlsruhe, im Focus vom 24.09.2001 (Nichts gegen Woodstock - ich weiß als Betroffener, was man aus dieser Zeit lernt)
Haben wir immer noch nicht verstanden, dass die westliche Demokratie jene Lebensform ist, in der man für seinen Feind verantwortlich ist - weil dieser die eigene Praxis widerspiegelt?

Flugblatt der PDS Hamburg
So was kommt von so was.

Leserbrief in Die Woche vom 19.10.2001
Wenn die amerikanische Politik dieses Drama zum Anlass nimmt, ihren Umgang mit anderen Staaten und Kulturen zu überdenken und zu begreifen, dass McDonald’s und Pepsi keine Kulturgüter, sondern schnöder und ungeschminkter Kapitalismus sind; es zum Anlass nimmt, nicht anderen Völkern vorschreiben zu wollen, dass nur der amerikanische Weg der Weg des Glücks ist […], dann war der Tod der Tausenden in New York nicht ganz so sinnlos, wie er sich heute darstellt.

Endzeit-Revoluzzer Klaus Theweleit in der taz vom 19.09.2001
Was dabei gerne übersehen wird, ist, dass ausgerechnet jemand wie Bush die Wahlen nur mit den Stimmen aus dem Bible Belt gewinnen konnte: den Stimmen von fundamentalistischen Amerikanern, von religiösen Fanatikern….Bush wundert sich dann, wenn aus anderen Teilen der Welt diese religiös bewaffneten Antworten zurückkommen.

Leserbrief im Freitag vom 26.10.2001
Selbst ich verspüre Ansätze von Genugtuung, dass auch die USA etwas verunsichert werden in ihrem selbstherrlichen Gefühl von Unverletzbarkeit. Es ist einfach nicht gut, alle Welt mit Hamburgern, MTV und Bomben traktieren und sich auf seinem Kontinent in absoluter Sicherheit wiegen zu können.

Roger Willemsen, Berufsschwätzer und Verbalpornograf in Die Woche vom 9.11.2001
Eine der bitteren Fragen zum Attentat auf das World Trade Center lautet: Hätte die Welt ähnlich getrauert, wenn die Opfer in einem anderen Bauwerk, etwa, wenn sie auf offenem Feld umgekommen wären? Anders gefragt: Teilte sich die Symbolkraft des Ortes, an dem über arm und reich entschieden wird, der Form und Stärke des Trauerns mit?

Wiglaf Droste im Kriegstagebuch der taz am 12.11.2001
So bedauerlich der Tod von 7.000 Menschen in New York ist, gemessen an dem, was sonst noch geschieht auf der Welt, handelt es sich um eine Lappalie.

J. W. Möllemann, Fallschirmjäger a.D., bei Sabine Christiansen am 4.11.2001
Wir müssen die Besetzerpolitik Israels gegenüber Palästina attackieren.

Leserbrief eines um Deutschland überaus Besorgten in der Berliner Zeitung, 15./16.9.2001
Schwer geschockt von den Ereignissen, stelle ich mir nun die Frage: Was passiert, wenn sich verrückte Terroristen entscheiden, ihren Flieger nicht in einen Wolkenkratzer, sondern in ein Kernkraftwerk zu steuern? Obwohl die Verluste an menschlichem Leben erschütternd sind, ist offensichtlich, dass die Angriffe symbolischen Zielen galten. Was passiert aber, wenn uns jemand wirklich hart treffen will?

Wieder Klaus Theweleit im Tagesspiegel vom 20.9.2001
Die Blockhütte liegt in Asche. 6000 Gute sind skalpiert, die Verfolger holen die Gewehre aus dem Regal und satteln ihre Marschflugkörper. Bloß sind keine Indianer greifbar. Greifbar ist das ständig wachsende Loch „ausbleibender Vergeltung“. So muss die stündlich wiederholte Versicherung helfen, die Twin Towers wieder aufzubauen, größer, schöner, sicherer.

Leserbrief in DIE WELT, 19.09.2001
Ein Symbol der westlichen technologisierten Welt stürzt zusammen und begräbt Tausende von Menschen unter sich. Die Welt trägt halbmast. 200.000 Menschen zeigen in Berlin nicht nur ihre Loyalität und Solidarität, sondern auch ihre Mentalität…und in Afrika sterben Kinder. Kinder, die noch nie ein Schulbuch in der Hand hielten, Kinder, für die Internet ein Fremdwort ist; in Frankfurt steigt ein Kinderschänder ins Flugzeug nach Thailand […], Bushs Raketentests geraten in Vergessenheit, die Weltklimakonferenz kühlt ab, und wir trauern. […] Und auf einmal sind wir alle Amerikaner (ich habe noch niemanden sagen hören, dass er Afrikaner sei).

Leserbrief in der Frankfurter Rundschau vom 19.09.2001
War die Vernichtung von Hiroshima und das Nagasaki und das dadurch entstandene Leid notwendig? […] Mit welchem Recht unterstützen wir die, die das palästinensische Volk seit 53 Jahren unterdrücken und vertreiben? Schürt das nicht Verzweiflung und Hass in den muslimischen und arabischen Ländern? Tragen wir mit unserer Wirtschaftspolitik nicht zur Verarmung der Dritten Welt bei?

Leserbrief in DIE WELT, 19.09.2001
Die Opfer nun mögen mir verzeihen, aber beim Anblick der zerstörten Gebäude Pentagon und Twin Towers huscht mir auch ein Lächeln über das Gesicht. Bislang haben die Amerikaner der USA immer nur Zerstörungen außerhalb ihres Landes angerichtet. Jetzt erfahren sie einmal selber, was es heißt, Opfer zu sein.

Leserbrief in der Süddeutsche Zeitung vom 24.9.2001
Wir Mitarbeiter vom Goethe-Institut Freiburg halten das Wort vom “Kreuzzug“ gegen die Terroristen für nicht hilfreich. Wer zur Begründung militärischer Aktionen die Religion…. bemüht, instrumentalisiert sie in unzulässiger Weise für politisch-militärische Aktionen und argumentiert auf der Ebene jener, die terroristische Gewalt mit dem „Heiligen Krieg“ rechtfertigen.

Nochmals Schrott-Germanist Roger Willemsen eine Woche nach 9/11 zu Besuch bei Alfred Biolek (Im Buch auf Seite 50)
[....] Und ich warte auf die Zeit, wo die brennenden Türme zum ersten Mal in einem Pop-Video auftauchen….ich bin nicht ganz sicher, ob das wirklich erschreckende Bilder waren; ich glaube, die Monumentalität oder die Erhabenheit der Katastrophe entspricht der Erhabenheit unserer Schaulust. Was erschreckend wäre, wäre eine algebraische Formel, 500mal am Abend gezeigt.

Leserbrief in DIE WELT, 19.09.2001
[...] Wer hinterfragt schon…., warum ausgerechnet die USA von dem unbändigen Hass aus der Dritten Welt heimgesucht worden sind? Gilt nicht auch hier der abgewandelte Spruch „Wer Armut sät, wird Hass ernten?“

Boris Becker (BumBum) in der STERN-Ausgabe vom 22.11.2001 (im Buch auf Seite 156)
Eigentlich war ich überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis eine Katastrophe passiert.

Leserbrief in der Berliner Zeitung, 22./23.9.2001
Sicherlich ist die Anzahl der Opfer in den USA erschreckend hoch, jedoch gab es in den letzten Jahren genug Katastrophen, wie beispielsweise die Wirbelstürme und Überschwemmungen oder den Bürgerkrieg in Somalia. Diese Ereignisse haben das öffentliche Leben oder die Berichterstattung nicht annähernd so stark eingeschränkt wie der Terrorakt, obwohl sie weitaus mehr unschuldige Opfer gefordert haben.

Leserbrief in der Berliner Zeitung, 22./23.9.2001
Der Tod der Menschen im World Trade Center mahnt nicht zur barbarischen Rache. […] Ein Angriffskrieg der USA macht die Welt noch unsicherer; er würde die Toten des World Trade Center noch einmal töten.

Anzeige im Neues Deutschland vom 2.10.2001
Nein zum Mord an Unschuldigen. Offener Brief an Bundeskanzler Schröder

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, wir….verurteilen den verbrecherischen Terrorakt in den USA aufs schärfste und fordern die Bestrafung der Schuldigen. Bei aller Trauer und verständlichen Wut muss der Artikel 1 der UN-Charta, „den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren“ vor der UNO zur Anwendung kommen. Nicht die NATO, die UNO ist gefordert….Bis zur eindeutigen Klärung der Schuldfrage ist der Bündnisfall nach Artikel 5 des Washingtoner Vertrages für die NATO-Staaten nicht gegeben!....Wir haben den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen miterlebt und möchten unseren Kindern und Enkeln dieses Trauma ersparen.

Die Unterzeichner sind ehemalige Offiziere der bewaffneten Organe der DDR.

taz-Kommentar vom 27.9.2001
Die US-Politik hat in der Nachkriegszeit mehr Menschenleben gekostet als alle Terroranschläge der Welt zusammen, zuzüglich jener, die mit US-Unterstützung begangen wurden.

Leserbrief in der Berliner Zeitung, 29./30.9.2001
Die wachsende Kluft zwischen armen und reichen Ländern schürt Neid und Hass auf den Westen. […] Der “Feind“ darf nicht als das Böse entmenschlicht werden. Solange die Welt immer nur in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse eingeteilt wird, wird es Kriege geben. “Auge um Auge, Zahn um Zahn“, heißt es im Alten Testament. Wie lange wird das gehen? Wie viele Zähne haben wir übrig?

Leserbrief im Tagesspiegel, 14.10.2001
Parallel zu dem legitimen Versuch, den weltweiten Terrorismus zu bekämpfen, müssten die USA, müsste die westliche Allianz einen Beitrag dazu leisten, die legitimen Interessen der Palästinenser zu befriedigen, oder mit anderen Worten: Israel endgültig zu einer friedlichen Lösung des Palästinaproblems zu bewegen, denn die Fackel, die immer wieder das Feuer des von islamischen Fundamentalisten ausgehenden Terrorismus entfacht, liegt zweifelsohne im israelisch-palästinensischen Konflikt.

taz-Kommentar „Osama bin Laden wird zur Ikone - und die USA helfen ihm dabei“ vom 12.10.2001
[...] jetzt spielt al-Kaida das Spiel weiter: gegen die hochgerüsteten Flugzeugträger, Bomber und Spezialeinheiten Großbritanniens und der USA stehen einfach gekleidete Leute, die mit einer Kalaschnikow irgendwo im Gebirge auf dem Boden sitzen, zum Kampf gegen einen übermächtigen Gegner aufrufen und jetzt auch noch klare Kriegsziele formulieren: Befreiung Palästinas, Rückzug der USA aus Saudi-Arabien, Ende der Sanktionen gegen den Irak.

Leserbrief im Neues Deutschland vom 25.10.2001
Es wird das Gedenken an die Tausenden Toten geschändet, wenn ihr Tod für einen Akt von monumentalem Staatsterrorismus missbraucht wird. Müsste ihrem Sterben nicht Sinn gegeben werden durch die Erkenntnis, dass nur eine menschenwürdige Politik […] Frieden auf Erden schaffen kann? Globale Solidarität gegen globale Herrschaftsansprüche.
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Ich könnte noch viel mehr Zitate bringen, aber eine rhetorische Frage zum Schluss sei erlaubt: Wie hätte Obama am 11. September 2001 reagiert?

Quelle:

Henryk M. Broder: Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror
(Gebundene Ausgabe)
214 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (2002)
ISBN-10: 382700442X
ISBN-13: 978-3827004420

P.S.: Meine Rezension zum Buch vom 16. November 2002 hier. Ich war einigermaßen überrascht, dass die Bewertungen überwiegend zustimmend ausfielen.