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Samstag, Juli 30, 2011

Schade um die Buchstaben: Hannes Stein zum Terroranschlag in Norwegen

Jetzt verstehe ich Hannes Stein überhaupt nicht mehr. Und nach seinem letzten Interview mit der taz geht er mir - ganz ehrlich gesagt - mehr und mehr auf den Geist mit seiner pastoral daherkommenden Gesinnungsethik. Hoffentlich kommt er bald wieder zur Besinnung. Sein taz-Interview spreche ich weiter unten an.

Vor wenigen Tagen hatte Hannes Stein einen - wie ich beim oberflächlichen Lesen dachte - relativ sachlichen Beitrag darüber geschrieben, wie Ulrich Sahms Meldung über eine antiisraelische Veranstaltung der sozialistischen Jugend auf der Insel Utøya bei Oslo zu bewerten sei - nämlich im Kontext der Ereignisse vor dem Terroranschlag.

Die Post-Analyse war teilweise zutreffend - ich hatte sie schon vor über drei Jahren ähnlich formuliert, als kaum ein Mensch darüber nachdachte, Hannes Stein erst recht nicht, weil er sich damals noch im Tiefschlaf befand, was das Thema betraf. Mittlerweile ist aber eine Menge Wasser den Hudson River bei ihm und den Lech hier bei mir im Voralpenland heruntergeflossen.

Hannes Stein begeht schon Fehler in der Diktion mancher Passagen, oder besser gesagt, in der Wortwahl generell - für einen erfahrenen Journalisten eigentlich ungewöhnlich. So schreibt er beispielsweise:
[…] Was ist die Ideologie des Mörders? Er hasst den Islam (nicht den islamischen Fundamentalismus, nicht Al Qaida, nicht die „Islamische Republik Iran“, sondern den Islam). Er hasst Muslime (nicht Achmadinedschad, nicht Osama Bin Laden, nicht Ayman al-Zawahiri, sondern alle Muslime von Indonesien über Indien bis Kurdistan). Er hasst „Marxisten“ (nicht Lenin, Stalin, Trotzki, Mao und Che Guevara, sondern alle Linken).
Was Hannes Stein hier von sich gibt, ist geifernder Unsinn, auch wenn er sich vordergründig auf den Täter bezieht, und journalistisch fast schon unredlich, weil ideologisch gestanzt (Sorry, Hannes!).
Er übernimmt - unwissentlich oder nicht - an dieser Stelle bedenkenlos und holzschnittartig Formulierungen wie „hasst den Islam“, „hasst Muslime“ und „hasst Marxisten“. Das ist so klar wie Kloßbrühe und trifft selbstverständlich auf die Person des Terroristen selbst zu, aber Stein kopiert hier sprachlich und spiegelbildlich genau dasselbe Vokabular derjenigen, die er bekämpft. Vielleicht bemerkt er diesen Fauxpas nicht einmal.

Was hat er da vom Stapel gelassen? Und welche Unterstellungen hat er hier vorgenommen?

Wäre es okay, wenn er in einem Aufwasch sämtliche Islamkritiker als „rechtsradikal“ einstuft, weil sie z.B. zu Recht Erdogans Slogan
„Der Islam ist vom Islamismus nicht zu unterscheiden. Es gibt nur den Islam“
ernst nehmen, was er [Hannes Stein] aber unausgesprochen als indiskutabel zu implizieren scheint?
Sind es dann die Kritiker, die man wegen der Zitation dieser Phrase zur Verantwortung ziehen muss, oder derjenige /diejenigen Muslime (Christen u.a. können es also schlecht sein), die diese Phrase herausposaunen?

War es Mohammed Atta, der den Koran zitiert hat, bevor er in die Twin Towers reingerauscht ist, oder war es Hannes Steins Phraseologie, die Atta im Nachhinein hilfreich das Gütesiegel „Islamismus“ aufgedrückt hatte, weil der vom edlen „Ur-Islam“ abgerückt sei, den man sowieso nicht zu scharf kritisieren solle, da ja so vielschichtig?

Hier zeigt sich die bedenkliche Naivität Hannes Steins in theologischen Fragen besonders deutlich. Er versteht davon überhaupt nichts.
Ist es in Ordnung, wenn Hannes Stein also mehr oder weniger stringent insinuiert, dass zwischen rechtsradikalen/extremen Islamkritikern auf der einen Seite und liberalen, konservativen und linken Islamkritikern auf der anderen Seite ein Zusammenhang bestünde?
Hannes Steins Vorgehensweise ist hier besonders indifferent, unausgegoren und schwatzhaft, so sehr ich ihn auch aufgrund mancher Kontakte in den letzten Jahren schätze. Mit Formulierungen wie dieser schafft Hannes Stein genau das, was er [selbst] möglicherweise vermeiden wollte - nämlich eine Weichzeichnung des Unterschiedes zwischen Mensch und Ideologie. Er sorgt nicht für Differenzierung, sondern zündet selbst ideologische Nebelkerzen.

Kaum jemand in unserer befreundeten Blogosphäre - und ich am allerwenigsten - hat die Notwendigkeit bestritten, zwischen persönlicher Beziehung zu Menschen und der Hinterfragung ihrer Ideologie sorgfältig zu unterscheiden. Genau diese Unterscheidung trifft Hannes Stein aber nicht mehr, weil er eine [mediale/blogosphärische] Absprache unter allen Islamkritikern unterstellt, die nicht dem Bild entsprechen, das er selbst sich von [Gesellschafts-] Islamkritikern macht. In seinem Rundumschlag lässt er alles vermissen, was einen guten Journalisten auszeichnet: Nachdenklichkeit, Reflexion und sorgsame Wortwahl.
Im taz-Interview antwortet Hannes Stein auf die Frage
Was verteidigen Sie denn?
Die offene Gesellschaft. Etwa die Meinungsfreiheit mitsamt der Freiheit, den Islam zu kritisieren. Flemming Rose von der dänischen Zeitung Jylland Posten hat dazu einmal gesagt: Er möchte, dass die Muslime in Europa integriert werden. Dazu gehört, dass man sich über ihre Religion genauso lustig machen kann wie über, sagen wir, den Katholizismus. Die Muslime haben, so komisch das klingt, ein Recht darauf.
Das wirkt auf mich fast schon abstoßend, wenn man das bisher diskutierte Sujet heranzieht und bedenkt, was unten folgt.

Hannes Stein unterstellt hier unausgesprochen, dass jegliche [Gewalt-] Reaktion der Muslime auf säkulare Kritik am Islam „erlaubt“ und Grundvoraussetzung einer "offenen" Gesellschaft sei - allerdings so, wie er sie halluziniert. Hier agiert er interesannterweise sehr radikal.

Ich behaupte das , weil er es an diesem Punkt nicht näher ausführt. Wäre er ein konsequent arbeitender Journalist, dann hätte er die konkreten Bedingungen angegeben, unter denen wechselseitige Kritik zwischen Islam und am Christentum stattfindet. Das hat er aber nicht gemacht, von der real existierend krassen Unverhältnismäßigkeit der Kritik an Christentum einerseits bzw. Islam andererseits ganz abgesehen. Das kann man am Alltagsleben ablesen (Essensvorschriften, Justizwesen, Schulordung, Scharia-Verharmlosung, Abschaffung christlicher Feiern in vorauseilendem Gehorsam etc.pp.).

Und weiter führt er aus:
Übrigens ist es bei den Verteidigern des christlichen Abendlandes mit dem Philosemitismus meistens schlagartig vorbei, wenn man auf Auschwitz zu sprechen kommt.
Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Ich weiß selbst, dass es unter so genannten Israelfreunden Antisemiten gibt, und ich habe das auch selbst oft genug thematisiert, werde das auch immer tun. Aber dass Hannes Stein sich zu einer derart pauschal-primitiven und hässlichen Äußerung hinreißen lässt, hätte ich niemals erwartet. Und wieder wirft er alles in einen Topf. Ich kommentiere das weiter nicht, weil es Zeitverschwendung ist.

Sein Schlusssatz:
Ich antworte mit einer einfachen Unterscheidung, die wir von Karl Popper gelernt haben: Ideen sollen im öffentlichen Raum gegeneinander antreten, auch der Islam in all seinen Spielarten. Ideen brauchen keinen Schutz; Kritik an ihnen, auch erbarmungslose, auch irrtümliche, ist erlaubt. Mit Menschen ist es etwas anderes. Menschen müssen geschützt werden.
Das hört sich sehr, sehr nach einem Lippenbekenntnis an, wenn es denn tatsächlich darum ginge, dass auch Islamkritiker ein Recht auf Schutz haben!

Zum Schluss möchte ich noch kurz ein Gespräch erwähnen, das wir vor etwa zwei Jahren per E-Mail führten (ich verrate da keine Geheimnisse, bin also nicht indiskret). Es ging um einen Beitrag Navid Kermanis (des Ehemanns von Katajun Amirpur) in der NZZ: Er hatte sich damals in ziemlich obszöner Art und Weise über die Darstellung des Kreuzestodes Jesu Christi echauffiert. Gut, das kann man je nach Weltanschauung verschieden betrachten.

Kann Hannes Stein sich noch daran erinnern, wie er Kermanis "Bildbetrachtung" mir gegenüber verteidigt hatte? Die gröbsten Hässlichkeiten gegen das Christentum hat er als „Freiheit der Kunst“ zu verteidigen versucht. Ich hatte damals attestiert, dass diese Freiheit eine Selbstverständlichkeit wäre, Kermani aber sehr pingelig reagiere, wenn Islamkritik geäußert werden würde. Von Hannes Stein habe ich nie wieder etwas zum Thema gehört geschweige denn leise Kritik an Kermani….
Abgesehen von seiner übertriebenen Sympathie für den Iraner: Kann er mir mal erklären, warum er bei Islamkritik bzw. Kritik an Muslimen so hektisch reagiert und gleichzeitig beim Umgang mit christlichen Gefühlen bzw. verfolgten Christen so großzügig und gleichgültig, obwohl jedes Jahr mehr als 15.000 Christen weltweit von Muslimen ermordet werden?

Mensch Hannes: Dein einseitig vorgebrachter moralischer Rigorismus geht mir auf den Keks!
Und zitiere bitte erst dann wieder Karl Popper, wenn du ihn auch wirklich ernst nimmst.

Samstag, März 12, 2011

5 Israelis ermordet: Verhaltene Reaktion in den Medien

Bei Heplev gefunden:

Fünffach-Mord in Itamar – und unsere Medien?

In der Nacht drang einer oder mehrere Araber in die bei Nablus gelegene israelische Siedlung Itamar ein, töteten fünf Mitglieder einer achtköpfigen Familie (die Eltern, zwei Kinder im Alter von 11 und 3 Jahren, sowie ein Kleinkind, das je nach Meldung einen oder drei Monate alt war. Die 12-jährige Tochter konnte zwei ihrer Brüder (6 und 2 Jahre alt) retten, weil sie mitten erst in der Nacht nach Hause kam.

Kommt dieser Terroranschlag in unseren Medien vor?


Ja, er ist gelegentlich zu finden – wenn man danach sucht.


Die ARD hat im Videotext einen Eintrag „Fünf Tote im Westjordanland“, bei dem erst im zweiten Absatz erklärt wird, wer die Mörder sind – als „Polizeiangabe“. Die Meldung beginnt: „Bei einem Überfall auf eine jüdische Siedlung im Westjordanland sind fünf Israelis getötet worden.“ Wie feige der Mord ist (fünf im Schlaf erstochene Menschen, drei davon Kinder) wird nicht erwähnt, dafür folgt im dritten Absatz eine Erklärung der Tat: „In den vergangenen Tagen ahtten sich die Spannungen zwischen palästinensischen Bauern und jüdischen Siedler in der Region nahe Nablus verschärft.“


Auf tagesschau.de muss man schon das Stichwort „Itamar“ eingeben, um eine Information zu bekommen, die in keiner Übersicht vermerkt ist: „Ein palästinensischer Attentäter hat im Westjordanland fünf Mitglieder einer Siedlerfamilie getötet. Der Mann drang in das Haus ein und erstach die Eltern und drei Kinder. Drei weitere Kinder entkamen. Die israelische Armee sucht nach ihm und errichtete Straßensperren.“


Das ZDF hat im Videotext nichts zum Mord stehen. Auf heute.de ist ebenfalls nichts zu finden.


n-tv
wagt es tatsächlich, im Bereich Politik (ganz oben in einer Spalte, aber man muss schon gut hinsehen) den Mord einen Terroranschlag zu nennen. Dort ist auch die Überschrift eindeutig: „Palästinenser tötet Siedler“. Auch die zunehmenden Spannungen werden erwähnt, von Verletzten Anfang der Woche, ohne allerdings zu erwähnen, wie diese Spannungen entstanden und wer da verletzt wurde. (Die Videotextseite 119 ist ein Ausschnitt der Meldung auf der Website.)

Mit der seiteninternen Suche kann man auch bei N24 einen leicht ausführlichen Eintrag finden: „Überfall auf israelische Siedlung im Westjordanland.“ Und auch hier muss man erst einmal in den Text hinein lesen, um das hier zu finden: „Nach Angaben der israelischen Nachrichtenwebsite Ynet gelang es dem palästinensischen Angreifer, in die Siedlung Itamar in der Nähe von Nablus einzudringen. Dort habe er eine fünfköpfige Familie getötet, die Eltern sowie ihre drei Kinder. Eine Armeesprecherin bestätigte, dass es in der Siedlung einen Angriff eines Palästinensers gab.“

„Nach Angaben von“ – also wird die Glaubwürdigkeit nicht unbedingt angenommen. Und im dritten (letzten) Absatz wird auch wieder auf die „verschärften Spannungen“ mit „mindestens elf Verletzten“ bei Zusammenstößen verwiesen. (Im Videotext ist nichts zu finden.)


„Der Nachrichtensender“ Phoenix hat keine Informationen im Videotext. Gleiches gilt für RTL und Sat1, ebenso für die Nachrichtensendungen im Radio.


DIE WELT
hat sich getraut: „Radikaler Palästinenser ersticht fünf Israelis“ heißt die Meldung, deren Link auf der Eingangsseite nicht versteckt wirkt. Woher die wissen wollen, dass der Araber radikal war, erschließt sich nicht; es wird im Text nicht wiederholt. Die Meldung ist in klaren Worten zu den Fakten verfasst. Darunter befindet sich dann ein großes Foto mit folgender Bildbeschreibung: „Jüdische Siedler in einem Haus in Hebron feiern im Jahr 2008 den Beginn einer neuen Bauwelle im Westjordanland. Die jüdischen Siedlungen im Palästinensergebiet sind ein ständiger Zankapfel zwischen den beiden Konfliktparteien.“ Das spricht dann doch wieder Bände: DIE WELT muss ein drei Jahre altes Foto bemühen, um eine angebliche Bauwelle zu attestieren (die es so nun gar nicht gibt).

Bei SPON muss man auch wieder die interne Suche bemühen; der Artikel versteckt den Täter auch erstmal irgendwo im ersten größeren Absatz, wiederum als „Angabe der israelischen Nachrichtenwebsite YNet“ – es handelt sich um denselben Text wie bei N24.


Der Focus hat auf der Eingangsseite eine Verlinkung etwa in der Mitte der Seite zwischen zwei anderen kleinen Links; es handelt sich wieder praktisch um dieselbe AFP-Meldung wie bei N24 und SPON, die die israelischen Angaben im Konjunktiv vermerkt.


Bei der Süddeutsche Zeitung muss man wieder die Suchfunktion bemühen. Dann prangt in der Überschrift ein palästinensischer Täter, den man im Text nur einmal und als „vermutlich“ findet. Dafür wird auf dem Begriff „Siedler“ herumgeritten, die drei geretteten Kinder ausgelassen und sich im Übrigen auf scharfe israelische Reaktionen konzentriert. (Grundlage des Textes sind Reuters und dpad.)

Frankfurter Allgemeine Zeitung – Fehlanzeige.
Frankfurter Rundschau – nichts
Der Tagesspiegel – große Leere
Kölner Stadt-Anzeiger – nichts zu finden
Rheinische Post – nada
DIE ZEIT – Pustekuchen.