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Sonntag, April 08, 2012

Quizfrage: Welche Nazis dürfen in welchen Leserforen ungeprüft Kommentare zu Grass hinterlassen?

Die etablierten Medien monieren seit Monaten ziemlich konfus und meistens falsch, dass sich neonazistische und psychotische Gewalttäter wie Breivik auf prominente Islamkritiker und deren Blogs bzw. die Leserbeiträge dort berufen hätten. Im gleichen Atemzug wird immer wieder gefordert, dass man in den Foren islam-“feindliche“ Beiträge hätte löschen müssen. Islamkritisch wird dabei selbstredend immer mit Feindschaft gegenüber Moslems gleichgesetzt.

Die stetige Wiederholung einer Lüge wird aber nicht zur Wahrheit. Das weiß man spätestens seit Goebbels (Man muss eine Lüge nur so oft wiederholen, bis man selber daran glaubt).

Natürlich trifft es zu, dass sich in manchen (rechts-) konservativen Foren sinistre Idioten herumtreiben, die ihre Primitivität und grobschittartige Indifferenz ausleben wollen. Und es trifft in einigen Fällen auch zu, dass Webseitenbetreiber mangelnde Sorgfaltspflicht an den Tag legen, was Löschungen betrifft.

Aber wie sieht es bei den Inquisitoren SPIEGEL, Süddeutsche, Der FreitagTagesspiegel und Genossen aus, und wie mit lässig durchgewinkten Leserbeiträgen linker und islamischer Leser, wenn es um Israels Selbstverteidingungs- und Existenzrecht geht? Israel ist der einzige Staat auf diesem Globus, dessen Existensrecht bestritten wird.

Wie perfide und unaufrichtig das journalistische Ethik-Postulat oben Genannter in die Tat umgesetzt wird, zeigt sich in diesen Tagen besonders deutlich, wenn Grassens antisemitisches Œuvre von eben diesen “Qualitätsmedien“ einem breiten Spektrum vieler linker (und islamischer?) antisemitischer Leser zur Diskussion vorgelegt wird, ohne danach die eigenen Foren ebenso gründlich zu durchforsten, wie man es selbst von den politischen Gegnern als selbstverständlich voraussetzt.

Ich habe mir in den letzten Tagen die Forenbeiträge bei SPIEGEL-Online angesehen (mehr Bio-Müll wollte ich mir nicht zumuten), und ich habe mich gefragt:  Bin ich jetzt auf der Webseite der NPD?

Hier zwei der abscheulichsten Beispiele, die ich im SPIEGEL-Forum allein (!)  zu diesem Beitrag gefunden hatte, die sicher auch in den 1930er-/1940er-Jahren im Stürmer oder Völkischen Beobachter zu finden gewesen wären. Es sind nur zwei Leserbriefe von vielen zu diesem SPON-Artikel. Ich habe sie mit Printscreen festgehalten, damit man sie später nicht dementieren kann. Hübsch auch solche einleitenden Phrasen wie "Ich bin ja zurzeit ein Wähler der Linken"... 



Hier der Rest von Irreal (bin grafiktechnisch nicht allzu sehr begabt; deshalb mit IrfanView zusammengeschustert):




Beitrag 2 von Leser Iffel 1


Henryk M. Broder hat in diesem Interview formuliert, dass Personen aus einem gewissen intellektuellen Milieu oder Feuilleton sich das Verschwinden Israels aus der Geschichte wünschten [Im Video ab 12:00], um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können (Man lese dazu auch die teilweise unfassbar schmutzigen Kommentare unterhalb des Videos, die leider auch nicht mehr überraschen).

Broder hat es meines Erachtens zu konziliant formuliert:

Besser hätte er gesagt, dass gut zwei Drittel der Deutschen (und Europäer) kein Problem mit der Vernichtung des jüdischen Staates Israel hätten, weil er ihnen schlicht am Allerwertesten vorbeigeht.

Antisemitismus ist nicht allein im Revier der intellektuellen Elite zu verorten:

Er war und bleibt auch ein Objekt der Begierde der „Dummen Kerls“, wie es SPD-Frontmann August Bebel einmal skizziert hatte; schon allein deshalb, weil der intellektuelle Antisemitismus im Gewand des Antizionismus, wie Broder richtigerweise zusammenführt, ohne den Beifall und das Echo des ungebildeten Pöbels (Leserbriefe) nicht auskommt.

Hier greifen die Interdependenz-Mechanismen und Rädchen zwischen intellektuellen Verführern und bereitwillig folgenden „Verführten“, die qua pseudochristlicher, atheistischer, "aufklärerischer“ und islamischer Tradition eigentlich schon seit je her antisemitisch positioniert sind, perfekt ineinander.

Abschließend: Daniel Goldhagens Kritik an Grass hätte ich beinahe vergessen (neben der von Ralph Giordano auch sehr treffend). Ich hab' beide einfach sehr gern, nicht zuletzt wegen ihres mutigen Auftretens hier vor etlichen Jahren, als der GEZ-Stern und die Saat dieses unsäglichen Historien- und Operettenklempners Guido Knopp aufging.

Sonntag, November 13, 2011

Napoleon Bonaparte und Rosa Luxemburg: Es wächst letztlich zusammen, was zusammen gehört


Napoleon Bonaparte glaubte jeden Tag, dass er eigentlich Oskar Lafontaine hieße.


Rosa Luxemburg ging es ähnlich: Sie betrachtete sich seit Jahrzehnten morgens vor dem Spiegel, richtete ihren Dutt und halluzinierte, dass sie eigentlich Sahra Wagenknecht verkörpere.

Nun haben sich endlich die beiden bizarrsten schizophrenen Protagonisten des Politikbetriebs der deutschen Linksaußen-Fraktion in ihrer verquasten Doppelgesichtigkeit gefunden, was ja nicht unbedingt ein großes “Wow, überrascht uns!" auslösen müsste.
 

Gut, ich will nicht Häme betreiben, wenn sich Liebende endlich outen, aber eine Gratulationstour für das Zustandekommen der Liaison des Jahres muss doch sein.

Lafontaine und Wagenknecht sind Personen des Öffentlichen Interesses, stehen also nicht unter Artenschutz. Sie sind beide glänzende Rhetoriker und bewährte Volksverdummer. Also werden sie deshalb auch für kommende Parteitage und Wahlveranstaltungen von Die Linke ein unschlagbares Team  bilden.

Eitel genug sind ja beide.

Und wenn sich zwei eigentlich gnadenlos selbstverliebte Turteltäubchen zusammentun, um massiv Klassenkampf der primitivsten Art zu beleben, muss man doch etwas hellhörig werden.

Für mich ist das ganze Spektakel (auch) ein taktischer Schachzug. Selbst die provinziellsten Linksaußen verstehen es, mit den Medien zu spielen.

Montag, September 28, 2009

SPD und "Die Linke": Pieck und Grotewohl reloaded?

Die Wahl liegt 24 Stunden zurück, und schon zerreden sich die Linken in der SPD und Die Linke das Maul darüber, wie in Zukunft eine Mehrheit links vom schwarz-gelben Bündnis aussehen sollte.

Wollen wir Geschichte noch einmal erleben,
als 1946 die Kommunisten die SPD über den Tisch gezogen hatten?

Wollen und werden wir jetzt darüber reden, dass rote Faschisten über die Zukunft der deutschen Linken entscheiden, wenn Sahra Wagenknecht mit am Tisch sitzt, die Stalins Politik mit über 20 Millionen Toten im eigenen Land und Maos Kulturrevolution mit über 70 Millionen Toten als vorbildhaft verteidigte?
Wird sich die SPD auf die Die Linke zubewegen oder umgekehrt? Furchtbar wäre es, wenn sich die SPD darauf einließe, ihre Position zu verlassen.

Schwarz-Gelb hat diese neue Chance mehr als verdient, obwohl ich ein gehöriges Magengrimmen wegen der 18-Punkte-Kampagne der FDP in der Vergangenheit habe (Möllemann), als sie sich auf widerlichste Weise den Rechtsaußen angebiedert hatte (Hoffentlich heute ad acta gelegt).

Diese neue Koalition startet in eine der schwierigsten Legislaturperioden der BRD seit 1949. Ihr nun jeglichen guten Willen abzusprechen, spricht nicht nur von falschem Einschätzungsvermögen seitens der neuen Opposition, sondern auch von schlechtem Charakter und fehlender Fähigkeit, ehrlich die Niederlage des eigenen Konzeptes einzugestehen.


In der Opposition lernt man, habe ich immer wieder gelesen. Da muss was dran sein…

Mittwoch, August 19, 2009

Israel für linke Loser zu erfolgreich

Stephanie Gutmann im Telegraph mit Ausführungen zum neuen Buch The Israel Test von George Gilder. Ins Deutsche übertragen von Castollux.


Israel für linke Loser zu erfolgreich
Stephanie Gutmann

Der unberechenbare, manchmal etwas clowneske, aber oft brillant schreibende Autor George Gilder hat ein neues Buch mit dem Titel The Israel Test herausgebracht. Gilder ist weithin bekannt wegen seines sehr große Resonanz erzeugenden Buches Wealth and Poverty (1981) - ein Leitfaden für beispielhafte Schaffung von Wohlstand und Unternehmertum, von dem manche sagen, dass es als Blaupause für Ronald Reagans Rettung der Wirtschaft nach der durch Jimmy Carter verursachten Malaise gedient haben könnte.

Gilder scheint mit einem untrüglichen Instinkt für umstrittene Themen ausgestattet zu sein, und wieder einmal hat er eines gefunden, das die Kritiker ärgern wird. The Israel Test handelt hauptsächlich davon, dass die wirklichen Fragen hinter der Unterstützung (braucht keine bedingungslose zu sein), oder Ablehnung Israels (er spricht über erhebliche Missbilligung), mit den innersten Gefühlen der Menschen zu tun haben. Anerkennen Sie Leistung und Erfolg und glauben Sie, dass man dazu ermutigt werden soll? Oder misstrauen Sie reflexhaft, weil Sie denken, Erfolge kämen auf Kosten anderer Menschen zustande und Sie wollen ihnen deshalb Grenzen setzen?

Die Frage stellt sich deshalb, weil Israel entgegen schlechter Startchancen eine Kraftquelle der Hochtechnologie und speziell der Bioforschung geworden ist (Gilder bewundert die Industrietechnologien besonders), dazu auch noch führend auf den Feldern Musik, Architektur und Literatur.

„Das kleine Israel mit seiner Bevölkerung von 7,23 Millionen….kommt gleich hinter den USA bei technologischen Entwicklungen. Pro Kopf gesehen stellt Israel alle Nationen in den Schatten“, kräht Gilder. Aber hierin liegen auch die Probleme:
Weil sie davon ausgehen, dass Wohlstand von oben nach unten durch die Regierung verteilt und nicht durch Erfindungsreichtum und praktisches Wissen generiert wird, sehen Israels Kritiker [in akademischen Kreisen, und Organisationen wie EU und UNO] die Welt als Summe begrenzter Ressourcen. In der Annahme, dass sich Israel, wie die Vereinigten Staaten, zu vieler Weltressourcen bemächtigt hat, plädieren sie für riesige internationale Ausgleichs- und Umverteilungsprogramme. Ihrer Ansicht nach begründet sich Israels Wohlstand nicht auf….Kreativität und Genialität, sondern auf Schnorrer-Hilfe durch die USA, Landraub und Einverleibung anderer Ressourcen der Araber…; Dieses Denken in Nullsummenkategorien hat sich rund um den Globus festgesetzt. Vielleicht sogar bei dem einen oder anderen Leser dieser Zeilen….

Man glaubt, dass freier internationaler Handel ein zweischneidiges Schwert wäre, das viele Opfer hervorbringe. Man möchte viel von Israels Wohlstand an seine Nachbarn abgeben. Man glaubt, dass Israels Nachbarn - und die Welt - mehr von einer Umverteilung profitieren würden als von Israels fortschreitender wirtschaftlicher Stabilität und seiner Freiheit. Man glaubt, dass Israel eher zu groß als zu klein sei. Man glaubt (kaum zu fassen!), dass Armut nicht durch Neid und Raubwirtschaft, sondern durch Unternehmergeist und Eigentum verursacht wird - und dass diese Armut der größte Nebeneffekt von Wohlstand sei.
Wenn Gilder sich mit neuen Ideen befasst, wirkt er manchmal schroff und neigt zur Übertreibung, aber ich denke, dass er einen sehr wichtigen Aspekt angesprochen hat. Für mich ist es die grundlegende Feststellung, dass diese Haltung Israel gegenüber häufig nicht wirklich mit dem Land selbst zu tun hat, diesem kleinen Streitobjekt felsigen Landes, zusammengedrückt zwischen Jordan und Mittelmeer.

Nach mehreren Jahren Recherche zu einem Buch über die Nahost-Berichterstattung in den Medien begann ich zu ahnen, dass das Thema Israel/Palästina wie ein Rorschach-Test funktioniert, eine Projektionsfläche für die ganz persönliche Klage der Menschen. Da gab es die Hausfrau in Tennessee, die augenscheinlich all ihre Zeit zwischen Waschmaschine und Anrichten von Hamburger Helpers für ihre Kinder einer Website widmete, die haarklein Israels angebliches Unrecht gegenüber den Palästinensern auflistete. Da gab es den Pensionär im Staat New York, der in einem Leserbrief halluzinogene Nazibilder verwendete (“die Sturmabteilung steigt die Treppe herauf; heftiges Klopfen an der Tür…"), um zu beschreiben, was er über Israels täglichen Umgang mit den Palästinensern in der umstrittenen West Bank „wusste“.

Kritik an Israel ist legitim - wie Kritik an den USA, Großbritannien und Republik Neu-Guinea - aber es drängt sich schon der Verdacht auf, „dass da noch etwas anderes mitschwingt“, wie es der Psychologe sagen würde, wenn man das Maß an Passion und kochender Wut sieht, das meistens von Leuten aufgebracht wird, die kaum einmal in Nahost waren. Es gibt Dutzende Menschenrechtsfragen und umstrittene Gebiete weltweit, über die sie sich so richtig aufregen könnten - Darfur, Tibet, Kaschmir - aber der Israel/Palästina-Konflikt scheint die Leute anzuziehen wie ein Magnet. Unausgewogene Nachrichtenberichterstattung über die Berichterstattung der Ereignisse in Israel/in Palästina ist nicht selten zu beklagen.

Gilder identifiziert die übergroßen und deplatzierten Leidenschaften als Ergebnis eines anerzogenen Misstrauens gegenüber dem Leistungsdenken. Aber weltweite Haltungen basieren auch auf einer Kanonisierung (Heiligsprechung) der Opferrolle. In dieser Zeit kanonisierter Opferrollen ist Überleben immer eine suspekte Angelegenheit, besonders dann, wenn zum Zwecke der Selbstverteidigung Gewalt angewendet wird. Zu Beginn der zweiten Intifada erklärte ein palästinensischer Führer dem New York Times-Kolumnisten Tom Friedman, dass „wir diesen Konflikt gewinnen, weil wir besser [öffentlichkeitswirksamer, Castollux] sterben.“ Er hatte Recht.

Nach jedem Krieg verbreiten die islamistischen Hamas oder Hisbollah riesige (oft weit übertriebene) Zahlen von zivilen Opfern als Beweis dafür, dass Israel auf irgendeine Weise in einem sehr wechselseitigen Krieg getäuscht habe. Wenn die Menschen in Südisrael ihre Wohnzimmer verbunkern und Kindergärten mit Sandsäcken absichern und ein Leben führen müssen, in dem ein Ohr immer mit der Alarmsirene rechnet, die den Anflug einer der gut 8.000 Raketen meldet, die zwischen 2005 und 2008 aus dem Gazastreifen abgefeuert worden waren, wird es nicht als bewundernswertes Zeichen fürsorgender Zivilverteidigung und Stoizismus gesehen, sondern wieder als Beweis dafür, dass Israel etwas beabsichtigt, das hinterhältig und unfair ist, oder „unverhältnismäßig“.

In den Augen der linken Intelligenzbestien dieser Welt sterben die Israelis einfach nicht schön genug.

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Mehr zu George Gilders Buch hier.
Crossposting mit Arye Sharuz Shalicar

Donnerstag, Juni 18, 2009

Brüller des Tages von Klaus Ernst, MdB, Die Linke

Klaus Ernst, stellvertretender Vorsitzender von Die Linke im Bundestag, sorgte heute für ein denkwürdiges Ereignis: Er lieferte einen der besten und passendsten Versprecher, den ich in letzter Zeit gehört habe. Und tiefenpsychologisch sehr bedeutsam....

Bekannt dafür, dass er sich schnell in Rage redet, wollte er eigentlich sagen:
Angesichts der Tasache, dass sich der Bürger heute nicht mehr traut....
Doch wurde dies d'raus:
Angesichts der Tatsache, dass man dem Bürger heute nicht mehr trauen kann....
Brüllendes Gelächter im Plenum. Und nicht nur dort.

Samstag, Oktober 25, 2008

Wann wird BAK.Shalom endlich erwachsen?

Der BAK (Bundesarbeitskreis) Shalom, Plattform der Jugendorganisation der Partei Die Linke, unterscheidet sich in einem Punkt diametral von Parteioberen wie Lafontaine, Jelpke, Paech, Wagenknecht und vielen anderen in der Mutterpartei (Gysi und Kipping ausgenommen): Er kämpft aktiv und unerschrocken gegen antiisraelische und scharf antizionistische Strömungen innerhalb seiner Partei sowie gegen die Laxheit der deutschen Politik und der deutschen Medien - selbstverständlich auch des Organs Neues Deutschland - im Umgang mit dem iranischen Klerikalregime und wird deshalb nicht selten "von oben" abgestraft und zurückgepfiffen, wie beispielsweise im Fall des "Politischen Reiseberichtes" von Prof. Dr. Norman Paech.

Umso unverständlicher die Stellungnahme von
BAK.Shalom zu kritischen Anfragen von Hans-Peter Uhl und Kristina Köhler aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion anlässlich der Beratung zu einem gemeinsamen Antrag gegen Antisemitismus zum 70. Jahrestages der Reichspogromnacht vom 9.November 1938.

Missverständnis? Schnellschuss?

Hier ein Auszug der (ersten) Presseerklärung von BAK.Shalom zum Thema (Link zum vollständigen Text):
Mit großer Verunsicherung müssen wir beobachten, wie aus der Idee eines gemeinsamen Antrages zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 10. November 1938 eine parteipolitische Auseinandersetzung durch die CDU/CSU entstanden ist.
Ein fraktionsübergreifender Antrag, um einen parteiübergreifenden Konsens zu erreichen, wäre ein wichtiges Zeichen aller Demokraten gerade als klares Signal im Kampf gegen alle Formen des historischen und modernen Antisemitismus.
„Wir fordern die Union daher auf, ihre parteipolitischen Spielchen sein zu lassen und sich bis zum 09.11. auf einen gemeinsamen Text, welcher für alle Akteure akzeptabel ist, zu einigen. Eine Gleichstellung der nationalsozialistischen Taten mit der Politik der DDR ist keinesfalls akzeptabel und würde die Einmaligkeit der systematischen Verfolgung und Vernichtung von 6 Millionen Juden verharmlosen. Die Berufung eines Antisemitismus-Beauftragten ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Antisemitismus und sollte durch die Union nicht blockiert werden“ so Benjamin Krüger, Bundessprecher des BAK Shalom.
Ich kann die Haltung des BAK.Shalom in dieser Frage nicht bzw. nur sehr, sehr schwer nachvollziehen. Und ich bin ziemlich angefressen, weil ich die Arbeit des Arbeitskreises prinzipiell als eminent wichtig und überzeugend einschätze.

Gerade jetzt(!) wäre doch der richtige Zeitpunkt, sich dem Problem des "staatlich verordneten Antifaschismus" der Ex-DDR und ihrem politischen Verdrängungs-Fallout zu stellen. Doch scheint der parteiinterne (verordnete?) "Friede" wichtiger zu sein als eine klare Stellungnahme zum Antisemitismus in der Ex-DDR und dem heutigen Antizionismus der Alten, der auch seine Tücken hat, um es sehr höflich zu formulieren. Warum nicht heute eine kontrovers geführte Auseinandersetzung mit den Verwaltern des SED-Gedächtnisvereins? Vielleicht würde dies gerade jetzt eine Katharsis bewirken. Medizin schmeckt meistens sauer, aber meistens wirkt sie. Mit einer Stellungnahme wie der letzten kuscht man vor den Betonköpfen in der eigenen Partei und kehrt das Problem antiisraelischer Dispositionen bei Die Linke wieder einmal unter den Teppich, auch wenn man das bei BAK.Shalom sicher nicht will.

Erstaunlich eigentlich angesichts des Israel-Engagements von BAK.Shalom. Ergibt sich hier nicht ein Widerspruch? Lachen sich Leute wie Norman Paech, Sahra Wagenknecht und Ulla Jelpke jetzt nicht ins Fäustchen? Und wo bitte ist die Gleichstellung nationalsozialistischer Taten mit der Politik der DDR seitens der CDU/CSU zu erkennen? Einfach lächerlich. Das sieht eher nach dem ebenso billigen wie hilflosen Versuch aus, eine kritische Anfrage abzublocken, indem man dem Fragesteller unlautere Motive unterstellt. Fehlt nur noch, dass man Frau Köhler, Herr Uhl und Herr zu Guttenberg in die rechte Ecke stellt...; eigentlich eher eine beliebte Masche der stalinistischen Fraktion. Von der ist man das gewohnt, aber vom BAK?

Ein befreundeter Journalist und Blogger, wie ich Sympathisant des BAK, schrieb mir gestern:
Ich kann das ebenfalls nicht nachvollziehen. Man könnte zwar darauf hinweisen, dass die Erklärung der CDU/CSU zur Entschädigung der Juden in der DDR auf die alte Bundesrepublik auch zutrifft, wenn auch in einer anderen Art und Weise. Das tut der BAK aber nicht; stattdessen schreibt er, die CDU hätte die DDR mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Das hat sie in der Erklärung, um die es geht, aber nicht getan. Schon seltsam, wie eine Gruppierung, die sich dem Kampf gegen den Antisemitismus auch in den eigenen Reihen verschrieben hat, jetzt plötzlich den Schwanz einzieht. Offenbar geht den Damen und Herren des BAK die Parteiräson bisweilen doch über alles.
Dies trifft den Nagel auf den Kopf und schlüssiger geht es auch kaum. Wann emanzipiert sich BAK.Shalom endlich von der Parteispitze?

Samstag, Oktober 27, 2007

Friede, Friede, Friede

Dietrich Bonhoeffer vorangestellt:

"Nur an der Wirklichkeit teilnehmend haben wir teil am Guten."

Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) hat am 24. Oktober wieder einmal (ja, leider; ich kann nichts dafür) eine Friedensdenkschrift unter dem Motto

„Aus Gottes Frieden leben, für gerechten Frieden sorgen“
herausgegeben. Sie hätte sich diese Arbeit, in die sie immerhin drei Jahre investierte, eigentlich sparen können, denn das, was formuliert wurde, ähnelt eher den außenpolitischen Ansichten Lafontaines und seiner Partei Die Linke und ist alles andere als neu:

„Wir können aber niemals Terror durch Terror [Heraushebung durch Castollux] bekämpfen, also sollten wir dies jetzt einstellen und zwar unverzüglich“.

So überraschte es [mich] auch nicht sonderlich, dass ausgerechnet Bodo Ramelow, Religionsbeauftragter (sic!) der linken Bundestagsfraktion, eilfertig gratulierte, wenn auch mit erhobenem Zeigefinger:

„Die Forderung nach einem friedens- und sicherheitspolitischen Gesamtkonzept im Sinne einer Stärkung des Völkerrechts müsste konsequenterweise ergänzt werden durch die Aufforderung zur sofortigen Beendigung aller Teilnahmen an völkerrechtswidrigen Kriegen“,

womit er selbstredend den Abzug der Bundeswehr aus allen Krisengebieten meinte.

Überwiegend positives Echo kam auch aus anderen Ecken - Überraschung, Überraschung - der Islamischen Zeitung, und selbstverständlich von Kerstin Griese aus der SPD- Bundestagsfraktion, die dem Papier, an dem sie selbstredend mitarbeitete, attestiert, es weise zu Recht darauf hin, dass

„terroristische Bedrohungen nicht die überkommene Idee eines ''gerechten Krieges"
gutheißen dürften - und weiter, so das Mitglied der EKD-Synode:
"es geht um einen gerechten Frieden“.

"Jawoll" möchte da mancher Radikalpazifist und Ex-SED-Parteigänger stramm salutieren und Frau Griese um den Hals fallen. Genau das wollen wir doch alle, nicht wahr?

Dilemma

Die EKD fällt wieder in eine alte protestantische Denkhaltung zurück, die mit der letzten Denkschrift von 1981 wenigstens ansatzweise überwunden schien (es gibt dazu mehrere kontrovers zitierte Quellen; bitte googeln) – nämlich dem Anspruch auf Geltung christlicher Individual-Ethik in äußerst komplexen politischen Prozessen.

Eben weil sie – wie in dieser neuen Denkschrift wieder einmal – mehr oder weniger deutlich die Anwendung der Bergpredigt in der internationalen Politik einfordert, macht sie gerade erst Politik. Sie betreibt die Sache der Radikalpazifisten und Globalisierungsgegner.

Die Denkschrift von 1981 bejahte noch eindeutig die

„Notwendigkeit militärischer Mittel zur Abstützung des Friedens“
und orientierte sich dabei an jener Form des Einsatzes von außen- und innenpolitischer Gewaltausübung, die ihre Legitimation nicht nur - aber doch auch sehr nachdrücklich - mit der Einführung der Bergpredigt ab Matthäus 5,17, ff. begründen kann:
"Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. […] Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
An dieser Stelle widerspricht Jesus eindeutig einer Gesinnungsethik, die die Gefahren dieser Welt verkennt und die Verantwortung an andere abgibt, indem sie sich allein auf falsch verstandene (Feindes-) Liebe und Passivität dem Gewalttäter gegenüber verlässt.

Jesus betont die Verantwortungsethik (siehe auch Max Weber).

Besonders modisch kommt die Geisteshaltung der [christlich] radikalen Pazifisten seit den 1980er-Jahren mit der Phrase des „sozialen Widerstandes“ daher. Sie erfährt heute eine beängstigent naiv daherkommende Renaissance, bsonders in der Auseinandersetzung mit der faschistoiden Ideologie des Islam, und wird von nahezu allen Gesellschaftsschichten getragen und befeuert - in besonders auffälliger Weise ausgerechnet von der Mauerschützen-Fraktion Die Linke [mittlerweile auch von beinahe allen Parteien außer der CSU].

Zufall?

Diese Leute werden ihre Gründe haben, insbesondere was ihren Schnusekurs mit dem Islam betrifft (Demografischer Wandel und daraus resultierendes Wahlverhalten etc; Ziel- und Wählergruppenorientierung).


Nun hat die EKD auch in ihrer neuen Denk(mal-) Schrift den Einsatz von Gewalt nicht völlig ausgeschlossen und akzeptiert - man lese und staune - den Gewalteinsatz gegen Terrorregime und bei (nachgewiesenem!) Genozid. Doch den ultimativen Wermutstropfen gießt sie gleich im toskanischen Rotwein hinterher:

„Nur, wenn es durch einen völkerrechtlich wasserdichten Auftrag abgesichert ist“.

Ich frage mich oft, in welcher Wirklichkeit diese Kirche lebt:

Geht sie tatsächlich davon aus, dass man in allen Fällen das Einverständnis der UNO einholen müsse, wenn irgendwo auf der Welt Menschen massakriert werden - wenn Einsatz und Hilfe sofort und dringend geboten sind –; nicht erst nach langem Palaver in einem Gremium, das zu einem Drittel aus Vertretern von Diktaturen und zu einem weiteren Drittel aus Vertretern von korrupten Staaten besteht? Warum inszeniert die EKD Politik? Warum verfasst sie Denkschriften (oder Quasi-Handlungsanleitungen) zu politischen Entscheidungen? Ist das tatsächlich ihre Aufgabe?

Unbestritten hat die Kirche das Recht und auch die Pflicht, zu allen gesellschaftlichen Fragen eine Position zu beziehen, wenn dies Menschen in ihren existentiellen sozialen Fragen betrifft. Warum jedoch läuft sie immer wieder dem herrschenden Zeitgeist hinterher? Hat sie das nötig? Ich denke nein. Aber das ist nur meine unmaßgebliche Privatmeinung.


Innerkirchlicher Widerspruch

So ganz privat äußert sich der niedersächsische Landtagspräsident Jürgen Gansäuer (CDU) zum Papier der EKD imitten einer wabernden Gleichschaltungsmaschinerie (Oh Gott: "Autobahn-Alarm"!) der Politischen Korrektheit übrigens nicht; und dies durchaus zutreffend, wenn er

„erhebliche Bedenken zu einem Aspekt der neuen Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)“
äußert.

Dieser Aspekt ist sehr wichtig, denn wenn die EKD die Position vertritt, dass militärisches Eingreifen nur als äußerstes Mittel mit einem klaren völkerrechtlichen Auftrag denkbar sei,

„dann hätten wir im Kosovo nicht eingreifen dürfen“. Und es "wären Tausende von Menschen tot, die heute meine Freunde sind".

Wir dürfen nicht vergessen (!), dass der Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovo im Verbund mit der NATO und den USA (Letztere mussten mal wieder als Erste ran, um danach auch als Erste beschimpft zu werden) auch ohne völkerrechtliches Mandat einem bereits begonnenen Genozid Einhalt geboten hatte. Ohne den Eingriff der NATO hätte der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic seine Ausrottungspolitik fortsetzen können. In einem Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Huber, formuliert Gansäuer seine Einwände auch klar und deutlich, wenn er u.a. darauf hinweist, dass es

„Situationen geben kann, in denen ein völkerrechtlicher Auftrag nicht zustande kommt, aber unser Gewissen und unsere ethische Überzeugung einen solchen Eingriff gebieten".

Recht hat er!

"Gerechter Krieg" und "Gerechter Friede"

Im ersten Abschnitt oben zitierte ich Frau Kerstin Griese, die darüber schwadronierte, dass die Idee eines „gerechten Krieges“ überkommen sei und es alleine um den „gerechten Frieden“ gehe.

Was veranlasst diese Frau eigentlich immer wieder, von „Krieg“ zu sprechen, wenn begrenzter und „gerechtfertigter Gewalteinsatz“ geboten ist, um Menschen beizustehen und sie aus den Klauen mörderischer Despoten zu befreien? Warum setzt sie Gewalteinsatz mit Krieg gleich?

Scheut sie sich, das Wort Gewalt auszusprechen, wenn aus humanitären Gründen gerechtfertigt?

Will sie einen Brunnen graben lassen, um am Tag darauf nach einem "Waffenstillstand" diejenigen, die diesen Brunnen gegraben haben und friedlich daraus trinken, von Terroristen und Feinden der Freiheit erschlagen zu lassen?

Ginge es nach Frau Griese, hätte sie wohl vorher bei den Mördern eine Ausweiskontrolle veranlasst. Vielleicht reicht sie beim EKD-Korps auch den Vorschlag ein, Parfümtücher auf die iranischen Atomanlagen herunterwehen lassen, um das Mullah-Regime vom Einsatz der Atombombe abzuhalten und damit Israels Sicherheit zu garantieren. Eine Menge offener Fragen, so viel steht fest.

Vielleicht hat Frau Griese im Geschichtsunterricht aber auch von ihren nazistisch sozialisierten Geschichtslehrern gelernt, dass die Welt 1945 auch dann befreit worden wäre, wenn zwischen 1939 und 1945 nur Platzpatronen verschossen und nicht Millionen junge GI's und ihre alliierten Freunde ihr Leben für die Freiheit der Welt geopfert hätten - damit ihre eigene Zukunft und die ihrer Familien.

Mich würde brennend interessieren, wie die EKD mit Frau Griese im Schlepptau einen „gerechten Frieden“ schaffen will, wenn die Sicherheiten dafür nicht geschaffen sind/werden. Entspricht es letzten Endes nicht der Wahrheit, wenn Jürgen Gansäuer resümiert, dass die Kirche die Realität im Blick behalten muss?

"Sie muss sich daran gewöhnen, dass wir es rund um die Welt auch mit Menschen zu tun haben, die die begrüßenswerte ethische Basis unserer Kirche nicht haben."

Wenn Christen - und die sind von Gansäuer zuerst angesprochen - diesen Satz schön sacken lassen, haben sie die Bergpredigt zumindest ansatzweise verstanden.

Das 128 Seiten starke "Friedenspapier" der EKD darf dann getrost vernachlässigt werden. Schade nur um die Bäume, die ihr Holz dafür ließen.