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Dienstag, Mai 26, 2009

El-Baradeis unrühmlicher Abgang und die Leiche im Keller

Lebenslügen haben zu allen Zeiten Hochkonjunktur; sie unterliegen nie Schwankungen

Abbildung: El-Baradei im vertrauten Tête-à-tête mit Laridschani. Klicken Sie auf das Bild (rechte Maustaste "Link in neuem Tab öffnen") und Sie werden sehen, wie "lustig" Laridschani sein kann, wenn er den Westen am Nasenring führt.

Mohamed El-Baradei, 66, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) und (Gott sei Dank) vermutlich im November 2009 nach seiner dritten Amtszeit aus dem Amt scheidend, zeigt im SPIEGEL-Gespräch [Englische Ausgabe] mit Dieter Bednarz und Nahost-„Spezialist“ Erich Follath, dass er mit dem ehemaligen iranischen Chefunterhändler und Holocaustleugner Ali Laridschani* in Sachen iranisches Atomprogramm zwei Charaktereigenschaften teilt - Trickserqualitäten und Farbenspiele eines Chamäleons.

Und er plant (leider) auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt eine aktive Rolle zu spielen, da „die atomare Bedrohung zu groß ist, als dass ich mich zurückziehen könnte“. Wer’s glaubt bekommt vom IAEA-Chef höchstpersönlich eine vergoldete Büroklammer geschenkt.

Kritische Selbstreflexion? Fehlanzeige!

Auf die SPIEGEL-Frage, ob er gescheitert sei, antwortet er im Brustton der Überzeugung eines eitlen Stutzers, der weiß, dass er alles richtig gemacht hat:
Ich habe viel erreicht [und]....alle anderen haben versagt
womit er die Internationale Gemeinschaft meint, die zugegebenermaßen und in selten naiver Einmütigkeit seiner Verharmlosungsstrategie gefolgt war und noch heute anhängt.


Dass er mit seinem politischen Zickzackkurs einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, dem Iran zum zügigen Ausbau seines Nuklearwaffenprogramm zu verhelfen, lässt er nicht gelten, denn....
Die Internationale Gemeinschaft hat unsere Warnungen ignoriert […], unsere Bemühungen, Nordkorea in konstruktive Abrüstungsverhandlungen einzubeziehen, scheiterten; […]; und die Vorbedingungen, die an Gespräche mit dem Iran geknüpft wurden, waren für das Regime unannehmbar.
Ja? Vorbedingungen auch für El-Baradei unannehmbar?

Dieser Eindruck musste sich während der letzten Jahre zumindest partiell aufdrängen.
Redet so der oberste Funktionär einer Behörde wie der IAEA, die eigentlich die international vorgegebene Aufgabe hatte, einer nach Atomwaffen strebenden Ajatollahkratur durch eine hartnäckige Überwachung der Vorgänge in Natanz, Arak, Isfahan und Buschehr die Daumenschrauben anzuziehen, Nordkorea jetzt einmal außen vor gelassen?

Wofür wurde der IAEA - und damit auch El-Baradei - 2005 der Nobelpreis verliehen? Eine der meist berechtigten Fragen überhaupt, wenn man sich das Geschacher der iranischen Delegation um Ali Laridschani und die freundschaftlichen Beziehungen des Baukran-Regimes zu El-Baradei vor Augen führt (Achtung: Schockierendes Video).

Den Rest des Interviews bitte hier weiterlesen, weil es für Kenner der Materie außer Selbstbeweihräucherung nichts substanziell Neues bringt und ich keinen Bedarf habe, Frau Amirpurs Aufmerksamkeit zu erhaschen, die Hängung als Fortschritt im Vergleich zu Steinigung apostrophiert hatte.


Doch nun zur Leiche im Keller

So viel vorweg: El-Baradeis Leiche lebt, auch wenn er sie besser hütet als die Queen ihre Kronjuwelen im Tower.

Ich will einen Vorgang ins Gedächtnis zurückrufen, der 2006 relativ kleine Wellen schlug, aber ob seiner Brisanz zu den Schlüsselsituationen, die El-Baradeis Vorgehen und seine Beweggründe, sich in der Frage der atomaren Aufrüstung des Iran eben genau so zu positionieren, wie er es tat, erhellenden Aufschluss gibt.

Bruno Schirra vom Cicero (Herzlichen Dank nachträglich!) hatte im Juli 2006 in seinem Artikel „Der Mann, der zuviel wusste“, eine beispiellose Sauerei aufgedeckt:


Chris Charlier, der Leiter des Inspektorenteams, das Irans Nuklearprogramm untersuchen sollte, war von El-Baradei kaltgestellt worden, weil der Iran es so gefordert hatte.

Doch schön der Reihe nach:

Als Charlier im April 2006 in Teheran ankam, um die Atomanlagen Teherans zu untersuchen, musste er folgende deprimierende Erfahrung machen:

Wo immer wir hingingen, was immer wir getan haben, sie waren immer hinter uns, haben uns mit Videokameras überwacht, jedes einzelne unserer Gespräche aufgenommen, uns keine Sekunde lang aus den Augen gelassen, uns immer über die Schulter geschaut. Wie zum Teufel sollen wir da vernünftig arbeiten können?
Wie reagierte sein Chef El-Baradei?

Als er - ebenfalls im April 2006 - zu Konsultationen nach Teheran fuhr, verlangte Ali Laridschani, sein direkter Gesprächspartner und Chefunterhändler des schiitischen Gottesstaates, ultimativ die Ablösung von Chris Charlier.
Und El-Baradei kam der Forderung bereitwillig nach.

Wie kann man dem Kussfreund Laridschani eine Bitte abschlagen? Dabei hatte Chris Charlier seit seiner ersten Visite in Teheran nichts anderes gesagt als dies:
Ich bin kein Politiker, ich bin Techniker, und als solcher interessiert mich bei meinen Inspektionen nur eines: Ist das Nuklearprogramm des Iran ein ziviles oder eine militärisches?
….und dass er zu folgender Erkenntnis gelangt sei:
Ich glaube, dass sie ihr Nuklearprogramm und ihre wahren Aktivitäten verstecken. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Teheran auf dem nuklearen Feld Dinge betreibt, von denen wir bis heute keine Ahnung haben….
Halten wir also fest (O-Ton Bruno Schirra):
In unzähligen Vermerken und Arbeitsberichten hat Charlier die Ergebnisse seiner Inspektionen festgehalten, hat die Tricks und die Täuschungsmanöver der Teheraner Machthaber aufgelistet, hat recherchiert, was einen seiner Inspekteure in Wien zu einer einzigen Schlussfolgerung führt: "Selbstverständlich baut Teheran die Bombe, und Charlier hat die Puzzleteile zusammengetragen, die das belegen. Dafür zahlt er nun den Preis".
Wie ich oben schon angesprochen habe, war Wahrhaftigkeit und konsequente Anwendung wissenschaftlich-akribischer Untersuchung sowie deren Veröffentlichung nie das Steckenpferd El-Baradeis. Doch wenn Laridschani Blut geleckt hatte, dann richtig. Lassen wir also wieder den exzellenten Rechercheur und Journalisten Bruno Schirra zu Wort kommen:
Im Gespräch mit der "Welt am Sonntag" bestätigte Charlier, was europäische Diplomaten in Wien nur hinter vorgehaltener Hand erzählen. Bei seinem letzten Besuch in Teheran habe Mohammed El-Baradei nicht nur in die Ablösung seines Chefinspekteurs eingewilligt. Ali Laridschani, der engste Vertraute Ali Chameneis, des obersten geistlichen Führers Irans, bestand darüber hinaus darauf, es nicht bei der Entbindung Chris Charliers von seinen Aufgaben zu belassen. Künftig dürfe Charlier auch nicht mehr Einsicht in die iranische Atomakte in Wien nehmen.
Dass dem Chef der IAEA Kritik aus der eigenen Behörde am Allerwertesten vorbei ging (und heute noch geht), zeigt auch das verzweifelte Resümee eines Mitarbeiters der Zentrale in Wien:
Das ist eine Bankrotterklärung unserer Arbeit, sagt ein Wiener Atom-Inspekteur. Mohammed El-Baradei knickt den Mullahs gegenüber ein, lässt uns im Regen stehen. Warum lassen wir das iranische Atomprogramm nicht gleich durch Teheran selbst kontrollieren?
Die halbherzig hinterher geschobene „Erklärung“ eines IAEA-Adlanten El-Baradeis macht’s auch nicht besser, wenn er verlauten lässt, dass "es stimmt, dass Chris Charlier seit April dieses Jahres nicht mehr in den Iran fahren darf, […] Teheran hat seine Ablösung verlangt."

So etwas nenne ich Spitzendiplomatie. Wow!


Die Heuchelei der IAEA folgt auf dem Fuße in einem Gespräch mit der WELT-Redaktion:

Die Publikation gefährdet Chris Charlier und setzt darüber hinaus die `Arbeitsgrundlage` unserer Inspekteure aufs Spiel.
„Welche Arbeitsgrundlage?“, kontert Charlier völlig zu Recht:
Die ist allein dadurch aufs Spiel gesetzt worden, dass Mohammed El-Baradei ohne Not der Erpressung durch Teheran stattgegeben hat. De facto ist das das Ende einer halbwegs vernünftigen Kontrolle des iranischen Nuklearprogramms durch die IAEA.
Am 1. August 2005 [also 9 Monate vorher; Castollux] sprach der Bruder des iranischen Chefunterhändlers Ali Laridschani offen über die wahre Natur des iranischen Nuklearprogramms. Der iranischen Nachrichtenagentur ILNA gegenüber sagte er:
Der Atomwaffensperrvertrag ist tot. Der Streit zwischen dem Iran und dem Westen um das iranische Nuklearprogramm dreht sich nicht darum, ob der Iran den nuklearen Brennstoffkreislauf schließt. Der Streit geht darum, ob der Iran nukleare Waffen bauen darf oder nicht. Wir streiten uns mit den Europäern darüber, ob wir hochwertiges Uran anreichern dürfen oder nicht. Wenn unsere blutdürstigen Feinde wie Amerika und Israel uns bedrohen, dann haben wir das Recht, uns nuklear verteidigen zu dürfen, und wir sind nicht bereit dieses Recht aufzugeben.
El-Baradei, Bruder im Geiste Ali Laridschanis, hatte die Botschaft seiner islamischen Brüder verstanden. Er ließ Charlier in Wien Büroklammern zählen.

Leider kann man El-Baradei den Friedensnobelpreis nicht mehr aberkennen. Hat er mildernde Umstände verdient, weil er vielleicht, wie manch' radikalpazifistisch indifferente "Friedensfreunde" und antizionistische Besitzstandswahrer hierzulande, die Süddeutsche Zeitung liest?

Ach du lieber Himmel!

*Auch: Larijani. Ich habe aber die Schreibweise beibehalten, die ich in früheren Beiträgen gebrauchte.

Quelle:
SPIEGEL

Donnerstag, März 12, 2009

Obama ernennt El-Baradei zum US-Geheimdienstchef

Wie Castollux aus zuverlässiger Quelle erfahren hat, will Obama dem IAEA-Hausmeister El-Baradei zu einem ultimativen Karrieresprung verhelfen. Er soll Dennis Blair ablösen, den Chef der Nationalen US-Geheimdienste, der zuletzt immer wieder das wie geschmiert laufende Nuklearprogramm des Iran madig gemacht und steif und fest behauptet hatte, dass der Iran bis mindestens 2010 nicht in der Lage sei, die Bombe zu bauen. Dabei hatte die National Intelligence Estimate doch eine viel optimistischere Prognose abgegeben, als sie sich wieder einmal im Dezember 2007 zur alljährlichen Patience getroffen und den Stichtag 2015 für das ausgebrütete iranische Atomei angepeilt hatte.

El-Baradei genießt beim (übers Internet gewählten) US-Präsidenten, der selbst eine glänzende, 45 Jahre andauernde Karriere als außenpolitischer Sachverständiger vorweisen kann (Aufspüren von Verwandten in Kenia, Irland, China, in der Wüste Gobi und am Südpol), großes Vertrauen, da seine Voraussagen zum iranischen Rüstungsprogramm immer zugetroffen hatten, die Seherkugel immer blitzblank und sein Gänseblümchenabzählreim nicht zu toppen ist: „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich, sie liebt mich nicht" usw.

50% Trefferquote. Beinahe unschlagbar.

Obama weiß solche Fähigkeiten zu schätzen, geht aber als Mann, der, wie wir alle wissen, schon 1962 die Kubakrise gemeistert und gut 100 Jahre zuvor die Sklaverei abgeschafft hatte, auf "Nummer Sicher", auch wenn El-Baradei mit seiner Prognose „Der Iran wird spätestens 2185 eine Atombombe haben“ ziemlich gut im Rennen liegt und das Spiel „Ein lästiger IAEA-Nörgler verschwindet immer spurlos“ perfekt beherrscht wie kein Zweiter - im vertrauensvollen Zusammenspiel mit der iranischen Führung. So auch, als man bisher erfolgreich allzu kritische Inspektoren ausgebootet hatte.

Pfiffiges Kerlchen, dieser „Bami“!

Er hat zur Absicherung und Assistenz - als El-Baradeis „Rechte Hand“ sozusagen - den Mann ausgesucht, der schon als Unterhändler des Iran in Sachen iranische Atomaufrüstung große Erfolge auf internationalem Parkett einheimsen konnte – Larifari Laridschani, auch Chamäleon genannt. In dem Job braucht man Nerven wie Drahtseile und muss auch mal unbequeme Dinge ansprechen. Was man nicht braucht: Ehrlichkeit, wie auch sonst recht selten in der großen Politik nachgefragt. Und da Larifari überdies ein Schöngeist ist (gelernter Philosoph und Kant-Verehrer), passt er sowieso besser in den Wilden Westen als in die muffige Umgebung der Mullahs.

Unlängst steckte er mir in einer schwachen Minute (El-Baradei war mittels Skype-Konferenz zugeschaltet und beschwerte sich natürlich gleich, weil ich ihn nicht nach seinen guten Beziehungen zu Ban ki-Moon befragt hatte), dass es ihm wahnsinnig auf den Senkel gegangen war, als Claus Peymann damals mit seiner Theatertruppe in Teheran aufkreuzte und eine noch miesere Stimmung verbreitete als sie vor seiner Ankunft sowieso bestand. Warum mussten sich diese Shakespeare zitierenden Feministinnen Kopftücher umbinden? Waschlappen!

So ganz nebenbei würde Obama auch Ahmadinejad einen großen Gefallen erweisen, wenn er einen seiner potentiellen Nachfolger aus dem Verkehr zieht, denn Khamenei soll auf „Achbinichfad“ sauer sein, weil dieser wieder die iranische Nationalbank beschissen hatte. Wenn das nur mal gut geht. Das kommt davon - jede Menge Baukräne zur Volksbelustigung bestellen und dann nicht sauber abrechnen.

Wo san mer denn?

Obama wäre nicht Obama, wenn er nicht noch eine weise Entscheidung in petto hätte: Ihn betrübt schon seit Bushs Zeiten, dass es mit dem Heimatschutzministerium nicht zum Besten bestellt ist, und er hat auch hier vorgesorgt. Mal’ richtig den Luschen Beine machen; geht ja nicht so weiter. Keine Disziplin, kein Anstand, nix. Also sofort die Graswurzler damit beauftragt, über's Internet den Omar zu erwischen. Sollen sie doch zeigen, dass der Wahlkampf keine virtuelle Eintagsfliege war und sie einen gemäßigten Taliban auftreiben, auch wenn so ein Exemplar nur in der Fantasie dieses Herrn und für ihn selbst existiert.

Für die Innere Sicherheit hat „Obarmer“ sich also den Paschtunen Mullah Omar aus Afghanistan ausgeguckt - jenen stolzen Kämpfer und Halsabschneider, der schon weiland mit Kara Ben Nemsi wertvolle Erfahrungen ausgetauscht hatte. Omar beratschlagt sich zurzeit mit den domestizierten Taliban aus der Provinz Absurdistan, die selbst nicht so genau wissen, was „gemäßigt“ heißt und wie man auf Obamas vernünftige Vorschläge antworten soll. Er mag zwar die Iraner nicht besonders („Jubelperser“) und verrichtet sein afghanisches "Aufbauprojekt" stets im Geheimen, wobei er jetzt geschickt seine Talibanchen im saudischen Riad auf den Busch klopfen lässt, wie weit wohl die Internationale Gemeinschaft gehen mag.

Aber in einem Punkt weiß er sich mit den Teheraner Tugendwächtern einig: No Mercy!

Mal sehen, was Obama sonst noch so alles einfällt, und wem außer Malte Lehming er sonst noch ein X für ein U vormachen kann. Auf El-Baradei und Larifari ist jedenfalls Verlass.

Dienstag, Oktober 23, 2007

Larifari Laridschani

Facetten eines Tricksers

"Irans Präsident hat seinen Atom-Unterhändler [Ali Laridschani; Castollux] ausgewechselt - ein Indiz für Differenzen in der Staatsführung. Nachfolger soll Vizeaußenminister Dschalili werden" titelte die taz am 22. Oktober 2007.

Sie muss es anscheinend wissen; hat sie sich doch mit dem so genannten "Regimekritiker" Baham Nirumand schon des Öfteren einen Gastkommentator an Bord geholt, der bei linken Blättern und Appeasern ein gern gesehener Gast ist und es so gut wie kein Zweiter versteht, der interessierten Öffentlichkeit ein X für ein U vorzumachen, wenn es um die wahren Absichten Teherans geht, wie Matthias Küntzel (Im o.a. Link, 13. Absatz von oben) treffend diagnostiziert:

„ […] Diesen Zweifel artikuliert beispielsweise Baham Nirumand, der wohl bekannteste und einflussreichste Exiliraner in der Bundesrepublik. Nirumand erwähnt zwar Ahmadinejads Aufruf, Israel auszulöschen sowie dessen Holocaust-Leugnung. ’Mit Antisemitismus’, fährt der Autor fort, „haben diese Attacken wenig zu tun.“

Die WELT wollte der taz in nichts nachstehen, legte brav einen drauf und beeilte sich, die Schlagzeile „Laridschanis Rücktritt gefährdet Dialog zwischen Westen und Iran“ hinterherzuschieben. Als ob man nun vor noch unüberwindlicheren Hürden stehen würde als zuvor, hängt sich im gleichen Beitrag auch noch Patrick Cronin [1)] an und raunt finster, dass "sein Rückzug die Verhandlungen noch schwieriger machen könnte". Und um die Person Laridschani noch mehr zu verklären, verleiht man ihm im gleichen Blatt den Heiligenschein: „Laridschani, ein Vertrauter des obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei, lehne die Fortführung der Urananreicherung ab, weil sie sein Land in die Isolation führe.“ Da es auch schick ist, Quellen nur vage anzudeuten, weiß man natürlich, dass er „Insidern zufolge ein Geschäft mit dem Westen machen wollte, um den Streit zu beenden.“

So weit, so schlecht. Das war zu erwarten. Doch die gespielte Larmoyanz, man hätte in Laridschani einen gemäßigten Verhandlungspartner mit der IAEA verloren, ist nicht sehr seriös, um es behutsam zu formulieren, und sollte mit diesen Silben auch abgehakt sein.

Wenn Laridschani gegen ein Chamäleon jemals in einen Wettstreit darüber eingetreten wäre, wer am schnellsten die Farbe wechselt, hätte das Chamäleon eine Schwarzweißstarre bekommen - so groß waren Laridschanis Verstellungsvarianten in den letzten Jahren als Chefunterhändler des Iran in den Verhandlungen mit der EU 3+3 [2]), was die atomare Aufrüstung des Iran betrifft. Und so viel größer waren seine Gedächtnislücken, wenn es um seine Auskunftfreudigkeit ging, das Atomprogramm des Iran seit 1979 betreffend.

Dabei war er als ehemaliger Beauftragter des staatlichen Rundfunks und Fernsehens ein williger Vasall und seit (2004) aalglatter Trickser im Verschleierungsprozess um die wahren nuklearen Absichten des Iran - so lässt sich wohl am besten die Funktion und (wahrscheinlich) "menschliche" Eigenart eines Menschen beschreiben, der Lüge und Täuschung besser beherrschte als kaum jemand in der Führungsclique des klerikal-faschistischen Mullah-Regimes. Wofür sonst wurde er auch eingestellt?

Laridschani ist ein typisches Produkt der islamischen Revolution von 1979. Sein soziokultureller Hintergrund unterscheidet sich aber deutlich von dem Ahamadineschads. Als „Aqazadeh“ (Herrensohn) entstammt er der Familie des mächtigen Großajatollahs Haschem-Amoli und hat nicht ganz zufällig beste Beziehungen zu Ayatollah Ali Chamenei aufgebaut, dem religiösen Führer und mächtigsten Mann im Staat, der Ahmadinedschad an seinen Fäden tanzen lässt. Seit seiner Amtszeit als Leiter des staatlichen Fernsehens IRIB (1994-2004) unterwarf sich Laridschani bedingungslos den Zielen der Mullahs, die den Weg in die (innenpolitisch) islamische Steinzeit als Prämisse vorgaben.

Diese devote Ergebenheit musste ihn zwangsläufig in Positionen hieven, die mit der atomaren Aufrüstung des Iran in Verbindung zu setzen sind - und mit den handelnden Personen zusammenbringen, die sich seiner brillanten intellektuellen Kenntnisse und Fähigkeiten bedienten. Der Weg zur Zusammenarbeit mit dem Brachialproleten Ahamadineschad war also vorgezeichnet.

Die Verhandlungstaktik des Iran in den Gesprächen um seine nuklearen Ambitionen hat ein Gesicht: Laridschani, der seine Kredibilität als Verhandlungspartner aber schon früh deshalb verlor, weil er den Holocaust als „offene Frage“ behandelte.

Zudem war die in totalitären Staaten bestens geölte Maschinerie des sturen Beharrens im Wechselspiel mit schrittweisem Entgegenkommen in seiner Person so deutlich präsent, dass man oft meinen konnte, der Iran wäre in Atomfragen lediglich mit einer Person vertreten. Dabei war (und ist) es immer Chamenei, der die Richtung vorgab.

Als im Januar 2006 ein Abgeordneter des Bundestages nach einer Unterrichtung durch BND-Chef Ernst Uhrlau berichtete: „Uns wurden die Augen geöffnet, dass die Planungen am Bau einer Atombombe sehr viel weiter fortgeschritten sind, als wir bisher wussten“ [3], hatte Laridschani kurz vorher zum wiederholten Mal - wie immer bisher - in bester taktischer Manier neue Gesprächsbereitschaft angedeutet. Die kurz darauf verlautbarte Aussage Ahamadineschads, man werde bis März 2007 die kritische Schwelle mit der Inbetriebnahme von 3.000 Zentrifugen für die Urananreicherung überschritten haben, ist heute obsolet. Wir schreiben Ende Oktober 2007 und die kritische Phase ist schon überschritten.

Nun folgt auf Laridschani der Ahmadinedschad-Vertraute Saeed Jalili, bisher stellvertretender Außenminister für europäische und amerikanische Angelegenheiten. Im Westen rauft man sich die Haare und sieht eine Verschlechterung der Beziehungen zum Iran heraufziehen, als ob die Situation nicht schon dramatisch genug wäre. Die Einschätzung westlicher Kommentatoren wird sich jedoch schnell als Irrtum herausstellen. Es wird so (schlecht) bleiben wie es ist.

Der gelernte Philosoph und Kant-Leser Laridschari bezeichnet sich als „Usulgara“ - einen Grundsatztreuen, auch wenn er sich selbst einen Hang zum pragmatischen Konservativismus attestiert - pragmatisch eliminatorisch eben, was seine Haltung zu Israel betrifft. Saeed Dschalili wird ihn in dieser Hinsicht nicht überbieten können. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der geschmeidige Laridschani in allen Sesseln bequem sitzt, wenn nur Eines eintrifft - nämlich, dass er an die Schaltstellen der Macht kommt.

Und hört man, dass Chamenei nicht abgeneigt sein soll, Ahmadinedschad durch Laridschani zu ersetzen. In der Sache - den Erwerb der Bombe und die Vernichtungsabsicht gegenüber Israel - wird sich nichts ändern. Aber es soll, geht es nach den Mullahs, geräuschloser und „diplomatischer“ zugehen. Die Ausrichtung ist indes zweitrangig. Für Männer wie Laridschani ist stets das erste Gebot, die eigene Karriere zu fördern, und wenn er über Leichen geht. Bewiesen hat er es bei den Pasdaran (Revolutiosgarden) schon. Er wird auch einen Iran nach den Mullahs überleben. Ein Chamäleon eben. Nur nicht in Schwarzweißstarre.

Fußnoten:

[1)] Patrick Cronin ist Experte für die Nichtverbreitung von Atomwaffen beim britischen Thinktank International Institute for Strategic Studies

[2] Die Abkürzung EU 3+3 (Drei europäische Staaten plus die anderen 3) bezeichnet die Staatengruppe Großbritannien, Frankreich, Deutschland, USA, Russland und China. Sie wurde geprägt, als sich diese Staaten in den diplomatischen Bemühungen um Irans Aktivitäten zusammenschlossen.

[3] Matthias Gebauer, Versteckspiel mit den Kontrolleuren, in: Spiegel-Online, 19. Januar 2006.