Sonntag, September 28, 2008

Schiitischer Messianismus und Ahmadinejads Kampfrhetorik

Die vom iranischen Präsidenten Dienstag vergangener Woche während der UN-Vollversammlung vorgetragenen Hasstiraden gründen in einer religiös-messianischen Vorstellungswelt.

Auf dem Bild rechts steht in Persisch (linke Bildhälfte; frei übersetzt; Dank an Nasrin Amirsedghi): Oh Du, Sohn des Propheten. Gibt´s einen Weg Dich zu besuchen? Und auf dem Bild weiter unten links (rechte Bildhälfte): Eines Nachts fiel ein Stern vom Himmel herab und brachte die Botschaft, (dass) der Morgenschein kommen wird! (dass der Tag seiner Erscheinung bald kommen wird)...

Inmitten seiner aggressiven Rhetorik, in der er Israel als "Kloake" und die Vereinigten Staaten als "Terrorstaat" bezeichnete , erneuerte er seinen Ruf nach einer baldigen Wiederkunft des schiitischen Messias, der die Unterdrücker bezwingen und die Welt zur Vollkommenheit führen soll.

Für schiitische Muslime ist die endgültige Rückkehr des Imam Mahdi ein Glaubensartikel - ähnlich wie die Wiederkunft Christi für nahezu alle Christen. Während wenige iranische Politiker in der Öffentlichkeit diese messianische Weltanschauung artikulieren, haben Herr Ahmadinejad und seine Helfershelfer immer wieder herausgestellt, dass ihre Regierung vom [Geist des] Mahdi geleitet sei. Glaubensvorstellungen wie diese leiten Ahmadinejad sowohl bei innen- als auch außenpolitischen Entscheidungen und liefern (mit) eine Erklärung für sein stures Beharren auf dem iranischen Nuklearprogramm, seinen Widerwillen, der Forderung nach Einstellung seiner atomaren Aufrüstung nachzukommen und nicht zuletzt der fortwährenden Unterstützung antiisraelischer und antiamerikanischer Terroristen durch seine Regierung im Mittleren und Nahen Osten.

Präsident Bush hatte am Dienstag seine Rede einige Stunden vor dem iranischen Staatschef gehalten, den Iran wegen dessen Unnachgiebigkeit in Sachen Urananreicherung scharf angegriffen und härtere Sanktionen verlangt [zu denen es nun doch nicht gekommen ist].

Kritiker im Iran - einige davon Kleriker - kritisieren Ahmadinejads Überzeugung, dass das "Ende der Zeiten" bevorstehe; sie befürchten, dass der Irrationalismus ihres Präsidenten sie unweigerlich in einen Krieg mit den USA und Israel führe.

"Nichts stellt eine engere Bindung mit den Zuhörern her als das permanente Reden über die Bedrohung", so Kurt Anders Richardson, Experte für schiitische Theologie an der McMaster University in Hamilton, Ontario.

"Wenn man [fanatisch] glaubt erfährt man es als große und heroische Sache, mit der Bedrohung zu leben. Die komplette Lebenswelt ändert sich: Politik, Ethik und kollektives Erleben - alles wird überdimensioniert gedeutet und erfahren. Zudem dient diese Haltung hervorragend als Mittel gegen weltliche Alltagssorgen und Ablenkungen. Statt Angst vor der islamischen Moralpolizei zu empfinden schwelgt man in Euphorie - eine durchdringende und stetige Verlockung. Diese Leute werden durch die Vorstellung motiviert, sie seien privilegiert, noch zu ihren Lebzeiten die Wiederkunft des Mahdi zu erleben."
Der Glaube, dass bald ein "ultimativer Erlöser" zurückkehren wird, wurde speziell seit Ahmadinejads Amtsantritt 2005 zum großen Thema. Drei Jahre zuvor wurde er zitiert, Finanzbeamte, die sich mit der Etatüberschreitung befasst hatten, mit folgenden Worten zu beruhigen: "Sorgen Sie sich nicht. Der Imam [Mahdi] wird in zwei Jahren kommen und alle Probleme werden beseitigt".

Ahmadinejad ist auch zu vernehmen, wie er einem ranghohen Geistlichen erzählt, dass sein Kopf von einer „Lichtaura“* umgeben war, als er 2005 vor der UN-Vollversammlung sprach. Und im letzten Jahr habe ihn der Mahdi bei seinem umstrittenen Auftreten in der Columbia University geleitet. Der Präsident hatte sich gewehrt und behauptet, dass jene, die über ihn "spotteten", einem "irregeleitetem" Glauben anhingen. Doch in einer Ansprache letzten Monat zum Geburtstag des Mahdi bemühte sich Irans oberster religiöser Führer, Ayatollah Sayed Ali Khamenei, gut Wetter für die internationale Presse zu inszenieren, indem er einen scheinbaren Gegensatz zwischen sich und Ahmadinejad konstruierte: "Göttliche Religionen…haben den Menschen nie falsche Hoffnungen vermittelt", so sein schlichtes Credo.

Man sieht also - die Arbeitsteilung zwischen bigottem Präsident und Klerus läuft wie geschmiert; soll doch auch das Volk, der Lümmel, weiterhin einigermaßen still gehalten werden; denn nichts fürchten die Machthaber in Teheran mehr, als dass ihnen das Ruder im eigenen Land aus der Hand geschlagen wird.

Und weiter doziert Khamenei gnädig: "Heute richtet der Iran mehr als jemals zuvor seine Aufmerksamkeit auf das Mahdaviat" [Endzeitvorstellung und die damit verbundene menschliche Anstrengung, dem Mahdi den Weg zu bereiten], und mahnend fügt er hinzu: "Jene, die persönliche Ziele damit verfolgen, werden aus diesem Faktum einen Vorteil ziehen wollen".

Behauptungen, man sehe den Mahdi, "sind komplett falsch und beschämend" so Khamenei weiter, da Äußerungen, man habe "enge Kontakte mit dem 12. Imam, treffe sich mit seiner transzendenten Erscheinung oder bekomme Anweisungen von ihm", nicht bestätigt werden können. Von einer Art Kommission zur Klärung übernatürlicher Dinge also - wie die vom Vatikan eingesetzte, wenn es besonders dubios mit allerlei Marienerscheinungen und Spontanheilungen zugeht. Khameneis Warnung zielte auf Scharlatane ab, die versuchen, Profit aus ihrer behaupteten Kontaktaufnahme mit dem Mahdi zu schlagen, indem sie Geschäfte mit Postern machen, auf denen Gebete und an den Imam gerichtete Bitten um Geld abgedruckt sind. Nach Khameneis Rede schwärmten Polizisten aus, um dem Treiben ein Ende zu bereiten. Messianischer "Pragmatismus?" "Pragmatischer" Irrationalismus? Beide Umschreibungen treffen wohl zu - sowohl für das Verhalten des Staatsapparates als auch für das der Kleriker. So "erklärt" sich auch die für den Westen so undurchsichtig erscheinende Aufgabenverteilung.

Die schiitische Tradition geht davon aus, dass nach einer Abwesenheit über einen Zeitraum von mehr als 1.000 Jahren (Man glaubt, dass der Imam 874 nach Christus "entrückte"), niemand außer Allah weiß, wann der zwölfte Imam wiederkommt [Es gibt daneben noch andere Imam-Varianten, die ich hier nicht näher ansprechen muss). Denjenigen, die glauben, ihn gesehen zu haben, wird untersagt, sich darüber zu äußern.

Analytiker im Iran selbst gehen jedoch davon aus, dass Khameneis Worte auch gegen Ahmadinejad und seine Regierung gerichtet sind, es mit den eschatologischen Formulierungen nicht zu übertreiben. Dennoch unterstützt der mächtigste Mann des Iran den Präsidenten weiterhin, weil in den wesentlichen politischen Fragen Übereinstimmung besteht, wie kürzlich wieder beim Al-Quds-Tag eindrücklich demonstriert. Dem Kabinett teilte er vorsorglich schon vor Wochen mit, dass es sich nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 auf eine neue Amtszeit einrichten könne.

Doch zurück zum "Ablasshandel" mit den Heilserwartungen des gemeinen Volkes: "Die obersten religiösen Führer sind ob dieser Entwicklung sehr besorgt", ließ ein iranischer Offizieller verlauten. Die Rede Khameneis sei "eine Warnung…ein starkes Signal für den Präsidenten". Kritiker meldeten sich Juli in einem Zeitungsartikel zu Wort: Der Präsident äußere "abweichende" Behauptungen, wenn er seine Nähe zum Göttlichen herausstelle. "Glauben Sie, dass solche Reden das Missmanagement der Regierung entschuldigen können, die Inflation, steigende Preise, Unzufriedenheit und den Protest der Leute auf der Straße?", so Rasoul Montajabnia, Kleriker und Oppositionspolitiker - also einer, der nicht das Privileg besitzt, der Kamarilla um Ahmadinejad anzugehören.

Sicher bezweifeln wenige Gläubige im Iran, dass der "ultimative Erlöser" eines Tages kommen wird. Ahmadinejad sagt, dass der Mahdi alle ungerechten Herrscher vernichten wird, die "nicht mit den Himmeln verbunden sind und von den allmächtigen Propheten getrennt" [In außerkoranischen Schriften spricht man von mehreren Himmeln, deshalb der Plural]. Es dürfte kaum überraschen, dass Ahmadinejad mit den "ungerechten Herrschern" die USA, Israel und die westliche Welt meint.

Es gibt kein wichtigeres Thema, ließ Ahmadinejad während seiner Rede auf der Konferenz zur Mahdi-Doktrin verlauten.

Gott habe die Menschheit "aus Erde und Schlamm" erschaffen, aber bestimmt, dass er [Ahmadinejad] sich "zum Gipfel der Vollkommenheit und Gottgefälligkeit" entwickle. Ahmadinejad und etliche ranghohe Funktionäre waren bei der Konferenz anwesend, die vom in Qom beheimateten Bright Future Institut gesponsered worden war. Und sie wurde vom Büro des Präsidenten unterstützt, der Millionenbeträge für die Mahdaviat-Studien bereitgestellt hatte.

"Auch wenn schon 1.100 Jahre vergangen sind kann jede Stunde für jene, die empfinden, ein Jahrhundert bedeuten", philosophierte Masoud Poursayed-Aghaie, Direktor des Bright Future Instituts. "Die Regierung dient nur einem Zweck: Sie muss dem wiederkommenden Mahdi den Weg ebnen". Schöne Aussichten, wenn ein gefährliches und bigottes Monster einem Gespenst den Weg ebnet, denn Ahmadinejad legt nach:

"Aber diejenigen, die dieser Vision im Weg stehen, sind es, die bereit sind, die Menschheit [Menschlichkeit] zu opfern, um ihre eigenen teuflischen Interessen und Wünsche zu befriedigen und die tiefen Taschen der Kapitalisten zu füllen". Nur der Mahdi könne Gerechtigkeit wiederherstellen und die Gläubigen hätten bis dahin ein hartes Stück Arbeit vor sich. Stimmt - das eigene Volk weiterhin mit einer mörderischen Diktatur zu knebeln und zu vergewaltigen bedarf schon eines gehörigen Aufwandes, denn "Wir sollten unser Bestes geben, und wenn wir unsere Herzen und Gedanken ändern…dann wird dieses Glück verheißende Ereignis eintreffen."

Dann besser nicht das Beste geben, denn das Beste ist immer noch das Leben. Und daran hängt jeder halbwegs vernünftige Mensch.

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*Daniel Pipes schildert es wie folgt:

[...] Er [Ahmadinejad] brachte das Thema oft auf und nicht nur gegenüber Muslimen. Als er im September vor den Vereinten Nationen sprach, verwirrte er seine Zuhörerschaft aus Führern der Weltpolitik, indem er seine Ansprache mit einem Gebet zum Erscheinen des Mahdi schloss: „O allmächtiger Herr, ich bete zu dir das Erscheinen deiner letzten Quelle, des Versprochenen, des perfekten und reinen menschlichen Wesens zu beschleunigen, dem einen, der diese Welt mit Gerechtigkeit und Frieden füllen wird."

Bei der Rückkehr in den Iran erinnerte sich Ahmadinedschad an die Wirkung seiner Rede vor der UNO:
Einer von uns sagte mir, als ich begann zu sagen „Im Namen Gottes des Allmächtigen und Barmherzigen", da sah er ein Licht um mich und ich befand mich innerhalb dieser Aura. Ich spürte es selbst. Ich fühlte, wie sich die Atmosphäre plötzlich veränderte und diese 27 oder 28 Minuten lang zwinkerten die Führer der Welt nicht einmal... Und sie hielten den Atem an. Es schien, als ob eine Hand sie dort fest hielt und ihre Augen geöffnet hätte, um die Botschaft der Islamischen Republik zu erhalten.

Links zum Thema:


Michael Kreutz: Was treibt Ahmadinejad an?
Ulrich Sahm: Für die Rückkehr des Mahdi: Iran bastelt an der Bombe
Scott Peterson: What drives Ahmadinejad's combative rhetoric
Ders.: True believers dial messiah hotline in Iran
Matthias Küntzel: Ahmadinejads Welt
Daniel Pipes: Mystische Bedrohung durch
Ahmadinejad

Hattip:
Nasrin Amirsedghi, Heplev

Freitag, September 26, 2008

Sensationeller Scherenschnitt zu "Summer In The City"

So etwas habt ihr wahrscheinlich noch nie gesehen:

Die Tanzgruppe Pilobolos zelebriert einen Scherenschnitt vom Allerfeinsten zu „Summer in the City“ von Lovin Spoonful:

Bitte hier oder auf die Abbildung klicken


Mittwoch, September 24, 2008

Mutwillige Geschwindigkeitsübertretung

Das Problem: Ihr 19-jähriger Sohn benutzte das Familienauto nur zu dem Zweck, Israelis über den Haufen zu fahren, und die Regierung schickt sich an, Ihr Haus einzureißen.

Die Lösung:
Führen Sie einen plausiblen Grund an, warum es sich bei dem Vorfall um keinen Terrorangriff handelte. Wenn Sie Glück haben wird ein mitfühlender Reporter von - sagen wir mal der BBC - dieser Pikanterie unverhältnismäßige Gewichtung verleihen:


Andere wohlklingende Entschuldigungen seitens der MSM beinhalten verschmähte Liebe und unangenehme medizinische Nebenwirkungen.

Quelle: Media Backspin (deutsch)

Montag, September 01, 2008

Bin mal eben weg...

...für drei Wochen.

Ich werde vorübergehend in Holland auf Tauchstation gehen, sprich in Urlaub fahren und das Land mit dem Fiets (Fahrrad) unsicher machen.

Tagestipps werde ich nur ganz selten aktualisieren, da ich mir fest vorgenommen habe, das Internet so weit als möglich zu meiden.

Am 23. September werde ich mich wieder ins Getümmel stürzen.

Beste Grüße

en tot ziens!
Bernd

Sonntag, August 31, 2008

These Boots Are Made For Walking

Bevor ich am 1. September (Mitternacht) in meinen sicher wohl verdienten Urlaub abdüse (ausgedehnte Radtour in Holland) möchte ich euch vier Videos von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood schenken - oder auch aufdringlich anbieten.

Viele Blogger werden diese Videos das erste Mal in ihrem Leben sehen.



Oder dies hier:



Im dritten Video übernehmen Nicole Kidman und Robbie Williams kurzfristig den Part. Kitschiger Schmacht; aber soooo schön:



Beim vierten (Schwarzweißvideo) stimmt die grafische Eingangssequenz nicht. Gibt sich....



Alternative mit The Corrs und Bono:

Einen Beitrag von Castollux kann ich euch allerdings nicht ersparen. Der folgt morgen, kurz bevor ich mich Hals über Kopf in den Liegewagen des Nachtzugs stürze. Lasst euch überraschen….; ihr könnte es euch also noch eine Nacht überlegen.

Und hier noch eine ganz speziell sexy Version von "These Boots Are Made For Walking".

Leider keine Einbaufunktion möglich. Angesichts der Schärfe des Materials auch verständlich, wenn man auf das Copyright pocht. [(;-)]

Donnerstag, August 28, 2008

Ausführliches MEMRI-Video mit dem christlichen Konvertiten Mus'ab Hassan Yousef

MEMRI:

Ausführliche Fassung des Video-Interviews mit Mus'ab Hassan Yousef, dem zum christlichen Glauben konvertierten Sohn eines Hamas-Führers im Gazastreifen.



Oder hier klicken


Donnerstag, August 21, 2008

"Humanitäre" Leichtmatrosen

HonestReporting

In einen Werbegag hineinschippern

The Daily Telegraph berichtet über die neuesten Entwicklungen rund um die zwei Boote der Organisation Free Gaza Movement, die die “Belagerung des Gazastreifens brechen“ will. Ein genauerer Blick auf die Hintergründe und Motivation dieser so genannten „Friedensaktivisten“ offenbart einen antiisraelischen Werbegag.

Wer steckt hinter Free Gaza Movement?

Wie NGO Monitor aufzeigt besteht die Organisation aus einem Zusammenschluss von Gruppen der pro-palästinensischen International Solidarity Movement (ISM), dem Israel Committee Against House Demolitions (ICAHD) und dem Palestinian Center for Human Rights (PCHR).

ISM hält einen schändlicheren Rekord in der Anstiftung ausländischer Staatsangehöriger zu einer „direkten Aktion“, die sie einer Gefahr aussetzt, was im Fall der Amerikanerin Rachel Corrie mit deren Tod endete. Im Jahr 2003 bestätigte sich die extreme Ideologie von ISM, als aus Großbritannien stammende Terroristen unter dem Deckmantel von ISM im Cafe Mike's Place Sprengsätze zündeten und drei Menschen ermordeten. In letzter Zeit betätigte sich ISM an führender Stelle an den gewaltsamen Protestaktionen am Sicherheitszaun bei Ni'lin, während ein ISM-Aktivist in den USA inhaftiert wurde, angeklagt wegen der „finanziellen Zuwendung von 20.000 Dollar an eine Gruppe, von der er wusste, dass sie die Hamas unterstützt“.

Währenddessen manipuliert ICAHD die Sprache der Menschenrechte, um eine ähnliche politische Agenda auf den Weg zu bringen. Hinter der Fassade der Menschenrechte verweist ICAHD regelmäßig auf Israel als einen “Apartheid“-Staat, während Direktor Jeff Halper (links im Bild) seine Einstaaten-Lösung propagiert, die das Ende Israels als jüdischem Staat bedeuten würde.

Humanitäre Mission oder politischer Werbegag?

Auf der Webseite von Free Gaza kann man einen Briefwechsel zwischen der Organisation und dem israelischen Außenministerium nachlesen, in dem die Behörde erklärt:

Wir gehen davon aus, dass Sie gute Absichten verfolgen; tatsächlich aber resultiert aus Ihrer Aktion, dass Sie das Regime einer Terrororganisation in Gaza unterstützen…

Wir erhielten Informationen, dass Sie planen, in den Gazastreifen humanitäre Hilfe zu bringen. Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass der Transfer humanitärer Hilfe zurzeit über vereinbarte Kanäle durch Israel erfolgt, und die israelischen Behörden werden sicher stellen, dass die Lieferungen ihren Bestimmungsort via Grenzübergangsstellen an Land erreichen. Wir freuen uns, Sie in Ihrem Bemühen zu unterstützen.

Wenn Sie lautere Absichten haben wählen Sie bitte diesen Weg; wenn Sie nicht vorhaben, humanitäre Hilfe via Israel zu liefern, beweist dies, dass Ihre Zielsetzung politischer Natur ist und stellt die Legitimierung einer Terrororganisation dar.

Warum also hat Free Gaza Movement es vorgezogen, 300.000 Dollar für ihre Reise aufzubringen, wenn ihre humanitäre Hilfe nach Gaza mit israelischer Zustimmung hätte geliefert werden können?

“Eingebundene Medien“

Anfang August segelte die Website der BBC offensichtlich an Bord von Free Gaza mit - auch mit einem „Tagebucheintrag“ des Reporters Rachid Sekkai. Nun aber enthält die aktualisierte Geschichte folgenden Hinweis:
Eine frühere Version dieser Geschichte wurde als Tagebuchaufzeichnung angekündigt. Wir werden über die Schiffsreise nicht mehr in Form eines Tagebuchs schreiben, aber weiterhin über den Fortgang berichten.
Eine Journalistin ohne ethische Bedenken dieser Art ist Yvonne Ridley (Rechts im Bild, wie immer mit modischer Kopfbedeckung und mächtig viel Holz vor der Hütt'n) von Iranian Press TV, die an Bord eine Dokumentation zur Überfahrt erstellt. Ridley, wohl kaum der Inbegriff einer neutralen Beobachterin, ist auch eine verhärtete Extremistin, die zum Beispiel auf einer islamistischen Hass-Kundgebung sprach, Unterstützung für die Hisbollah bekundete und zum Boykott gegen Firmen aufrief, die Geschäftsbeziehungen zu Israel unterhalten, was darin gipfelte, dass „Trinken von Coca Cola dasselbe ist wie das Trinken des Blutes palästinensischer Kinder“. Unfassbar - nun wirft Ridley Israel vor, die Free Gazas-Reise zu sabotieren und beschuldigt den Mossad, Kassam-Raketen von Gaza nach Israel abzufeuern!

Hatte die BBC wegen Sekkais übermäßig intimer Verstrickung den Stecker gezogen, nachdem sie realisierte, dass seine journalistische Objektivität in Frage gestellt worden war?

Mit an Bord zum Zwecke zusätzlicher Publicity ist Lauren Booth, Schwägerin des ehemaligen britischen Premiers Tony Blair, die in ihrer Person die Rolle der Journalistin und Aktivistin vereinigt.

Politische Agenda

Die antiisraelischen Vorstellungen einiger Leute, die hinter Free Gaza stehen, wurden bereits angesprochen. Und trotz des Fakts, dass viele der Aktivisten und Organisationen hinter Free Gaza alles andere als Sympathien für die USA und sicher nicht für sein Militär hegen, wurde eines der Boote nach dem US-Marineschiff USS Liberty benannt, das durch Zufall und tragischerweise von israelischen Kampfjets während des Sechstagekrieges angegriffen wurde.

Zehn offizielle Untersuchungen der USA und drei offizielle der israelischen Armee haben ohne Ausnahme begründet, dass der Angriff ein tragischer Fehler war. Trotz dieses Sachverhalts haben antiisraelische Aktivisten ununterbrochen Israel in Misskredit zu bringen versucht, indem sie das Land beschuldigten, die Liberty absichtlich angegriffen zu haben.

Während der Reise wird Free Gaza die toten Matrosen der USS Liberty ehren.

Wann zuletzt haben „Friedensaktivisten“ Militärangehörigen gedacht (Insbesondere amerikanischen Soldaten)?

Israels Recht, zu verhindern, dass Free Gaza in Gewässer vor Gaza einfahren kann:

Die Jerusalem Post berichtet, dass die israelische Marine angewiesen wurde, die zwei Boote zur Umkehr zu zwingen:
Israelische Offizielle teilten am Sonntag mit, dass die Mittelmeergewässer vor Gaza laut Vereinbarung mit der PA unter israelische Hoheit gefallen waren. Gaza ist auch zur Kampfzone erklärt worden, was die Marine berechtigt, im Meer vor dem Gazastreifen zu patrouillieren, so die Offiziellen.
In seinem Brief an Free Gaza weist das israelische Außenministerium darauf hin, dass...
... das Gebiet, in das Sie auslaufen wollen, Gegenstand einer von der israelischen Marine veröffentlichten Maßnahmenempfehlung ist, die alle fremden Schiffe dringend darauf hinweist, angesichts der gegenwärtigen Sicherheitslage eindeutig außerhalb der festgelegten maritimen Zone vor der Küste von Gaza zu bleiben.

Wir hoffen freilich, dass Free Gaza Movement eine absichtliche Konfrontation mit der israelischen Marine vermeiden wird, obwohl dies sehr leicht passieren könnte, da diese Aktivisten maximale Publizität erreichen wollen, mit der sie dem Ansehen Israels schaden möchten.
Während sich die Boote ihrem vorgesehenen Reiseziel nähern bleiben Sie bitte auf eine Antwort vorbereitet, sollten die Medien wieder bereitwillig auf den offensichtlichen Werbegag von Free Gaza Movement hereinfallen.

Sonntag, August 17, 2008

Bielefelder Mobbingkultur, Teil 2 (Interview mit Heinz Gess)

In der ZEIT-Ausgabe vom 14. August hatte Evelyn Finger einen Kurzkommentar (Nur Print-Version verfügbar) zu den Vorkommnissen um den Bielefelder Soziologieprofessor Heinz Gess geschrieben und dabei deutlich zum Ausdruck gebracht, was sie vom Maulkorberlass hält, der ihm in Form eines Disziplinarverfahrens auferlegt wurde. Castollux berichtete in diesem Beitrag über den unerhörten Vorgang, in dem einem Wissenschaftler seitens der Rektorin untersagt wird, Forschungsergebnisse über die Tätigkeit des nazistischen Wissenschaftlers und hochrangigen ehemaligen NSDAP-Funktionärs Werner Haverbeck, der ab 1972 an der FH Bielefeld "lehren" durfte, öffentlich zu thematisieren.

Castollux hat mit Prof. Dr. Heinz Gess ein Kurzinterview geführt, das näheren Einblick in die Entwicklung an der FH Bielefeld während der letzten Wochen vermittelt.

Herr Prof. Dr. Gess, wie beurteilen Sie das gegen Sie eingeleitete Disziplinarverfahren?

Heinz Gess: Das Disziplinarverfahren ist ein unglaublicher Eingriff in der Freiheit der wissenschaftlichen Kritik, wie ich ihn bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Mit dem Angriff soll Angst verbreitet werden und die Hochschullehrer zum Kuschen angehalten werden. Er ist ein regelrechter Maulkorberlass. Zugleich zeugt das Verfahren von einer außer­ordentlichen Arroganz der Macht, sprich der hiesigen Hochschulleitung. Aus diese Arroganz spricht, dass der Hochschulleitung die politische Lage und der Konformismus, der sich an der Hochschule breit gemacht hat, ihr ein solches Vorgehen gestattet, ohne dass sich nennenswerter Protest dagegen regen würde.

Castollux: Wie erklären sie sich das erstaunliche Verhalten der Hochschulleitung? Wie konnte es dazu nur kommen?

Heinz Gess: Dafür gibt es meines Erachtens von der Sache her mehrere Gründe:

Erstens: das neue Hochschulfreiheitsgesetz NRW:

Das Gesetz beschränkt unter dem irreführenden Namen „Hochschulfreiheit“ die Freiheit der Hochschullehrer drastisch. Es ist insofern ein antidemokratisches Gesetz. Das Rekto­rat wird nun nicht mehr von den Mitgliedern der Hochschule gewählt, sondern vom Hoch­schulrat bestimmt. Auch der Hochschulrat ist kein gewähltes Organ, sondern von der nicht gewählten Hochschulleitung bestellt. Die Hochschullehrer sind keine Landesbeamten mehr, sondern nur noch Hochschulbeamte und damit unmittelbar und ausschließlich der demokratisch nicht legitimierten Hochschulleitung unterstellt sind. Solch ein Macht­zu­wachs muss jenen, die es immer schon mit der Macht hielten und denen Argumente und Kritik immer nur ein lästiges Beiwerk waren, wie ein Geschenk des Himmels erscheinen. So ist es kein Wunder, dass ich z.B. nur eine Woche nach meiner Zwangs­übernahme zum Hoch­schulbeamten, gegen die ich rechtliche Schritte einleitete, aus nichtigem Anlass mein erstes Disziplinarverfahren erhielt, das freilich von der Diszi­plinarkammer nicht ange­nommen wurde.

Zweitens: die Konzentration auf die "Außendarstellung der FH"

Im Zentrum der neuen Hochschule steht ihre Selbstvermarktung oder "Außendarstellung". Ob wahr oder falsch wird dabei zweitrangig. Wichtig ist, bei der Herrschaft gut anzu­kom­men. Herrschaft heiß in diesem Fall: bei den Industrieführern, der Kulturindustrie, den Chefs der Verwaltungen. Unter diesen Bedingungen wird der Konfor­mismus Trumpf. Und nun kommt da ein Hochschullehrer aus der eigenen Hochschule und macht ohne Not der Öffentlichkeit bekannt, dass an der Bielefelder Fachhochschule in den sieb­ziger Jahren ein Nazi und bekannter Rechtsextremer gelehrt und in einem bewusst un­auf­fällig gehaltenen Einstellungsverfahren (also keinem normalen Berufungsverfahren) an­gestellt worden sei und anschließend seine verdorbenen Früchte unter die Leute ge­bracht habe. Das muss doch die lediglich an der Außendarstellung interessierte Hoch­schulleitung empören, nicht wahr? Nicht der negative Sachverhalt selbst stört die FH Leitung, son­dern dass er an die Öffentlichkeit gerät und kritisiert wird. Der Bote wird für die schlechte Botschaft be­straft, weil sie der Reklame schadet. Aber das ist hierzulande ja nichts Neues mehr.

Drittens: Die in Deutschland übliche Form der Erinnerungs- und Schuldabwehr

Die öffentlichen Schuldeingeständnisse deutschet Amtsinhaber etwa zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung von der Herrschaft der Nazis, die viele Deutsche immer noch für die größte Niederlage des deutschen Volkes halten, sind Makulatur. Sie sind durchweg zu Inszenierungen der Außen­dar­stellung, des Selbstmarketings Deutschlands geworden. Viele wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre belegen, dass die Enkel und Enkelinnen aktiver Nazis ihre Großväter allesamt für unschuldig halten, selbst dann, wenn sie in der SS oder in der Gestapo waren, halten daran fest, dass die Großväter Opfer des Systems oder sogar heimliche Widerstandskämpfer waren. In der Fachhochschule wurde mit derselben Geistlosigkeit stets davon ausgegangen, dass alle Fachhochschullehrer im fraglichen Alter nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten, und gerade dieser kollektive Mythos wird durch den Verweis auf Haverbeck, der zeitlebens ein Nazi geblieben ist und als moderner Nazi an der Fachhochschule praktizierte, Lügen gestraft. Das ist für die Mythengläubigen sehr ärgerlich und weckt ihre Aggression.

Haverbeck wurde in einem „unauffälligen Einstellungsverfahren“ an der FH angestellt. Man darf deshalb vermuten, dass es eine Seilschaft alter Kameraden gegeben hat, die ihm diese unauffällige Einstellung ermöglichte. Dafür sprechen auch andere Hinweise, wie die, dass Haverbeck vom ersten Tag seiner Einstellung an aus dem Fachbereich Sozialwesen in die Ingenieurwissenschaften abgeordnet wurde. Dass es so gewesen sein könnte, ist für die Fachhochschule ein sehr unangenehmer Gedanke, den sie durch die Verhängung des Disziplinarverfahrens vermutlich unterdrücken möchte.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel, wie die Erinnerung an die Vergangenheit ausgelöscht wird, gibt das Ministerium für Forschung und Entwicklung selbst. Als Antwort auf eine Anfrage des Asta zum Sachverhalt schreibt es. Ich zitiere:

"Im Rahmen des unauffälligen Einstellungsverfahrens hat Herr Professor Haverbeck die üblichen Erklärungen unterschrieben, mit denen er u. a. bestätigt, dass er keiner Organisation angehört und keine Organisation fördert, deren Tätigkeit sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet oder die darauf ausgeht, die freiheitlich demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu gefährden.
Auch aus den Unterlagen und seinem Lebenslauf ergaben sich keine Hinweise auf einen Sachverhalt, der einer Einstellung widerspricht.
Unter Hinweis auf § 2 Abs. 3 und § 9 Informationsfreiheitsgesetz NRW bitte ich um Verständnis, dass ich keine weiteren personenbezogenen Daten offenbaren kann und verbleibe mit freundlichen Grüßen ...."

Diese Antwort ist geradezu hanebüchen und unfassbar arrogant. Da wird läppisch mitgeteilt; Haverbeck sei in einem unauffälligen Einstellungsverfahren angestellt worden und ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass man das so hinzunehmen habe und es nicht der Aufklärung bedürfe, warum seine Einstellung "unauffällig“ erfolgte. Ferner wird ebenso läppisch mitgeteilt, Haverbeck habe beeidigt, dass er keiner verfassungsfeindlichen Organisation angehöre. Also habe man von nichts was gewusst. Ja, gibt’s denn das? In Wahrheit wurde Haverbeck doch schon 1973 Vorsitzender des rechtsextremen WSL*. Wie aufmerksam von der Behörde, die damals so bekanntlich sehr intensiv damit beschäftigt war, jeden linken Kritiker deutscher Verhältnisse, der sich einmal auf einer Demo hatte blicken lassen, zu identifizieren und aus dem Staatsdienst zu entfernen. Vermutlich hätte sie aber, selbst wenn jemand sie auf Haverbeck aufmerksam gemacht hätte, ihn nicht einmal als "neuen" alten Nazi erkannt, weil sie bewusstlos ähnlich dachte wie er und auf den „neuen“ Jargon der kulturalistischen Eigentlichkeit und der öko-systemischen Echtheit hereingefallen wäre, wie so viele „Linke“ jener Zeit. Die Krone aber wird dem Ganzen dadurch aufgesetzt, dass man vorgibt, selbst von der Nazi-Vergangenheit des Naziführers Haverbeck nichts gewusst zu haben, weil er in seinem Lebenslauf nichts davon berichtet habe. Volksverdummender geht es nimmer. Das stößt besonders übel auf, weil so noch im Jahr 2008 und nicht etwa 1978 geantwortet wird.

Castollux: Das Rektorat unterstellt in seiner Einleitung des Disziplinarverfahrens nach den vorliegenden Informationen, es ginge Ihnen lediglich um die Diskreditierung von Personen in der Hochschulleitung.

Heinz Gess: Das ist falsch, weit hergeholt und eine Umkehrung des wirklichen Sachverhalts. In Wahrheit geht es dem Rektorat um mich, meine Arbeit an der kritischen Theorie und insbesondere das Kritiknetz - darum, zu diskreditieren, zu ruinieren und aus der Hochschule zu entfernen. Die Kritische Theorie wird von der Rektorin zur unwissen­schaftlichen Privatsache erklärt und am liebsten von der FH verbannt, indem man ihrem Verfechter mit immer neuen Sanktionen droht. Der Täter inszeniert sich in diesem Fall gewissermaßen als Opfer, um sich das Recht zu geben, zuschlagen zu können, und das nicht das erste Mal.

Was meinen Vorspann zum Artikel von Bierl und Heni über Haverbeck angeht, so habe ich darin ausdrücklich festgestellt, dass es mir um die Kontinuität einer Praxis der Hochschulleitung als Institution geht und hervorgehoben, dass das nicht ad personam gemeint ist. Deshalb ist dieser Vorwurf völlig unverständlich. Die Kontinuität, um die es mir geht, liegt darin, dass jedenfalls im Fachbereich Sozialwesen dem konformistischen Jargon der Eigentlichkeit oder dem esoterisch- ökosystemischen Jargon, der sich kon­struktiv kritisch gibt - eben so wie es Haverbeck in den siebziger Jahren tat - stets der Vorzug gegeben wird vor der kritischen Theorie der Gesellschaft. Während jene, die sich konformistischer Jargons bedienen, beinahe machen können was sie wollen, wird die kritische Theorie in jeder ihrer Variationen bekämpft - mit der erkennbaren Intention, sie aus der Hochschule zu entfernen. Darauf zielt vermutlich das neue Disziplinar­verfahren gegen mich hin.

Ich hoffe, dass die Hochschulmitglieder sich diese autoritäre, konformistische Praxis nicht länger gefallen lassen, gehe aber davon aus, das sie sich lieber heraushalten, um sich nicht den Mund zu verbrennen.

Castollux: Sie sagten zuvor, es existieren von der Sache her mehrere Gründe. Soll das heißen, dass es daneben auch noch persönliche Gründe gibt?

Heinz Gess: Das kann ich nicht sicher wissen. Denn falls es sie bei der Rektorin gibt werden sie vollständig verleugnet. Ich vermute aber, dass Sie völlig Recht haben und mit Ihrer Frage ins Schwarze treffen. Denn die Begründungen für die Sanktionen - auch schon die früheren - waren und sind von der Art her weit hergeholt und fadenscheinig, sodass diese Vermutung sehr, sehr nahe liegt. Ich habe in der Vergangenheit in einem sehr persönlich gehaltenen Schreiben an das Rektorat die Vermutung auch schon geäußert und darum gebeten, eine Gesprächsform zu wählen, die es uns ermöglichte, über Kränkungen und Verletzungen miteinander zu sprechen, damit sie verheilen können. Aber der Gedanke wurde ziemlich brüsk abgewiesen.

Castollux: Herr Professor Gess, Dank für die offenen Worte und alles Gute für die Zukunft.

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*Weltbund zum Schutze des Lebens e.V.

Mittwoch, August 13, 2008

Bielefelder Mobbingkultur

Heinz Gess, Professor für Soziologie an der FH Bielefeld, nimmt seine Profession sehr ernst. Das schließt mitunter nicht aus, dass seine Forschung unschöne Fakten aufgreift, nicht zuletzt auch, was die Personalhistorie der eigenen Lehranstalt betrifft. Dass Heinz Gess schon seit Jahren gemobbt wird, weil er die konsequente und wahrhaftige Umsetzung seines Lehr- und Forschungsauftrages lebt, ist mir bekannt.

Schlimm genug, dass ein Dozent, der Differenzierung im Umgang mit Israelkritik anmahnt und auf die Verlogenheit des sich als Antizionismus gerierenden Antisemitismus aus der linken Ecke und seine Schnittmengen zur rechten und islamistischen Gesinnung verweist, permanent Anfeindungen durch Kollegen und Studenten ausgesetzt ist.

Seine vorerst letzte Zuspitzung erfuhr der Konflikt zwischen Heinz Gess und seinen Gegnern, letztere in höchster Instanz verkörpert durch Rektorin Professor Dr. Beate Rennen-Allhoff, als er am 7. April 2008 auf seiner Internetplattform Kritiknetz einen Artikel von Clemens Heni und Peter Bierl veröffentlichte, der veranschaulichte, dass in der Öko-Pax-Bewegung antisemitisch grundierte, völkische und konservativ-revolutionäre Ideologien verwurzelt sind. In einem weiteren erklärenden Beitrag1) hatte Gess darauf hingewiesen, dass Werner Haverbeck (1909-1999), ehemaliger Professor für Sozialwissenschaften und ausgestattet mit höchsten NS-Funktionen, an der FH Bielefeld Karriere machen konnte, nach dem Krieg dieser Lebensabschnitt unberücksichtigt blieb bzw. Haverbeck an der FH Bielefeld ungehindert und ungefragt weiterarbeiten konnte (Zu seiner weiteren “Karriere“ weiter unten im Aufruf).

Diese Information löste bei der oben erwähnten Rektorin eine unangemessen aggressive Reaktion aus. Sie überzog Professor Gess mit einem Disziplinarverfahren, weil er (angeblich) seine Verschwiegenheitspflicht (!) als Beamter verletzt habe. Dabei konnte "Werner Haverbeck an der FH Bielefeld trotz Nazi-Karriere und neofaschistischer Aktivitäten ungestört seinen ideologischen und politischen Geschäften nachgehen und seine verdorbenen Früchte als ’Professor für Sozialwissenschaft’ unter die Studierenden bringen.“

Aufklärung dieses Sachverhalts bzw. dessen wissenschaftliche Auswertung an der FH Bielefeld durch einen sorgfältig und akribisch arbeitenden Professor, der das “Pech“ hatte, an derselben Einrichtung lehren zu „dürfen" wie der kulturrassistische Nazi Werner Haverbeck, ist nicht erwünscht. Ja, richtig gelesen - sie ist nicht erwünscht. Deshalb soll Heinz Gess ein Maulkorb umgehängt werden.

Dass diese Situation so nicht hingenommen werden kann versteht sich von selbst, denn der Wissenschaftsbetrieb - insbesondere auch in einer Disziplin wie der Soziologie - darf nicht dem Dünkel und der Gönnerhaftigkeit von Institutionen oder Personen ausgesetzt werden, die für sich in Anspruch nehmen, Geschichte verdunkeln zu müssen.

Die Autoren Clemens Heni und Pater Bierl haben einen Aufruf verfasst, der auch dem Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen zuging. Hier im Wortlaut:

Ein unglaublicher Skandal...Disziplinarverfahren gegen Professor Heinz Gess

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,

Wir wenden uns an Euch mit der Bitte um Hilfe und Solidarität wegen eines Disziplinarverfahrens, das die Rektorin der Fachhochschule Bielefeld, Professor Dr. Beate Rennen-Allhoff, Anfang Juni gegen Professor Heinz Gess eingeleitet hat. Vorgeworfen wird Gess, seine Pflichten als Beamter verletzt zu haben. Er habe dem Ansehen der Behörde geschadet und insbesondere gegen die Verschwiegenheitspflicht verstoßen.

Es geht um einen Artikel, den wir beide verfasst haben, und den Heinz Gess auf der von ihm betrieben Homepage kritiknetz.de unter dem Titel "Grün-braune Liebe zur Natur: Die NSDAP als "grüne Partei" und die Lücken der Naturschutzforschung" veröffentlicht hat.

Das Disziplinarverfahren bezieht sich auf eine Nachbemerkung von Gess. Er verweist darin auf die Tatsache, dass Werner Haverbeck (1909-1999, Abb. rechts mit strammem Hitlergruß) ab 1972 mehrere Jahre lang an der FH Bielefeld als Professor für Sozialwissenschaft wirken konnte. Haverbeck war Mitglied der NSDAP-Reichsleitung, des NS-Studentenbundes und der SA sowie Leiter des NS-Reichsbundes für Volkstum und Heimat. In der Bundesrepublik war Haverbeck von 1974 bis 1982 Präsident des rechtslastigen Umweltverbandes "Weltbund zum Schutz des Lebens" und Mitunterzeichner des so genannten Heidelberger Manifestes von 1981, in dem die Forderung "Ausländer raus" pseudoökologisch verbrämt erhoben wurde. Haverbeck war Mitbegründer des so genannten Collegium Humanum in Vlotho in Niedersachsen, einer rechtsextremen Tagungsstätte, wo sich unter anderem 1984 das "Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Führers" (KAH) traf. Die Einleitung des Disziplinarverfahrens begründet Rektorin Rennen-Allhoff mit folgender Passage des Textes von Gess:

"Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch, dass der Werner Haverbeck an der FH Bielefeld ungeachtet seiner Nazi-Karriere und neofaschistischen Aktivitäten ungestört seinen ideologischen und politischen Geschäften nachgehen und seine verdorbenen Früchte als "Professor für Sozialwissenschaft" unter die Studierenden bringen konnte, ohne je dafür an der FH in die Kritik zu geraten und ohne dass das Rektorat der FH es je für nötig gehalten hätte; sich von seinem Tun oder seinen Schriften zu distanzieren, dass aber dasselbe Rektorat (nicht in persona) und dessen Personalabteilungsleiter es für dringlich hält, sich von dem Herausgeber dieser Seite und der "Internetzeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft" das Kritiknetz, ausdrücklich zu distanzieren."

Gess habe seine Dienstpflichten verletzt, weil er damit Maßnahmen der Verwaltung öffentlich kritisiert habe, urteilt die FH-Rektorin. Wir halten es für einen Skandal, dass jemand mit einem Disziplinarverfahren überzogen werden soll, der darauf hinweist, dass ein ehemaliger hochrangiger NSDAP-Funktionär und in der Bundesrepublik prominenter Nazi-Aktivist an der FH Bielefeld Karriere machen konnte. Damit soll ein Wissenschaftler mundtot gemacht werden, der einen solchen Vorgang öffentlich benennt.

Verschwiegenheitspflicht kann nicht heißen, die Einstellung eines alten Nazis zu vertuschen und das nach über 30 Jahren. Pikant ist, dass einen Monat zuvor, Anfang Mai 2008, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das von Haverbeck gegründete Collegium Humanum wegen rechtsextremer Umtriebe verboten hat.

Wir fordern die sofortige Einstellung des Disziplinarverfahrens gegen Heinz Gess und eine Entschuldigung der Rektorin. Wir fordern, die einschlägigen Archive zu öffnen und von unabhängigen Historikern klären zu lassen, wie es möglich war, dass Haverbeck an der FH Bielefeld Dozent werden konnte. Wir verlangen - sofern aufgrund des zeitlichen Abstandes noch möglich - diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Haverbeck gedeckt und seine Karriere ermöglicht haben.

Wir bitten Euch, diesen Vorgang publik zu machen, dieses Schreiben weiterzuverbreiten, sowie beim Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen gegen das Disziplinarverfahren gegen Heinz Gess zu protestieren. Wir haben dafür einen Musterbrief verfasst, den Ihr benutzen könnt. Solltet Ihr einen solchen Brief schicken, bitte gebt uns Rückmeldung.

Die Journalisten unter Euch bitten wir, über diesen Vorfall in ihren Medien zu berichten. Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Clemens
Heni und Peter Bierl

clemens_heni@web.de
peterbierl@gmx.de

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1) Hochschulpraxis in der Kritik
Wie Aufklärung über den esoterischen Öko-Nazi Werner Haverbeck durch die Hochschulleitung der FH Bielefeld behindert wird
http://www.kritiknetz.de/?position=artikel&aid=435

Hattip: Clemens Heni, Peter Bierl